Das Unterkleid der letzten Schützenkönigin 

Laut des Chronisten, über dessen Identität wir bisher leider nichts herausfinden konnten, war Dorfbewohnerin Sigrid S. die letzte Schützenkönigin Endlebens. In dem Haus, in dem sie der Legende nach zuletzt mit ihren Zwillingstöchtern Mia und Lia gewohnt hat, haben wir in einem zertrümmerten Kleiderschrank zwar leider nicht das Kleid gefunden, das sie zum Ball und wahrscheinlich auch zum großen Umzug trug, wohl aber ein anderes, recht denkwürdiges ärmelloses Kleidungsstück, aus billigem weißem Stoff, schmutzig aber in Zellophan verpackt, als sei es frisch aus der Reinigung gekommen. Mit einer Sicherheitsnadel war am Stoff ein Zettel befestigt, der die Aufschrift trug: „Schützenköniginnenunterkleidzumballkleidneu“. Beinahe auf der gesamten Vorderseite dieses Unterkleids sind per Hand schwarze Striche gezeichnet, möglicherweise mit Filzstift, manche einzeln, zu zweit, zu dritt, zu viert, andere in Fünfergruppen gebündelt, Strichkolonnen, die hier und da Unterbrechungen aufweisen. 
Das Ganze macht den Eindruck, als wäre etwas Serielles festgehalten worden, als hätte Sigrid S. etwas abgezählt, diese Zahlenreihe aber geheim halten, unter dem Ballkleid verstecken wollen. 


Wofür stehen die Striche, haben wir uns gefragt. 
Hat sie die Tage gezählt, bis zum nächsten Schützenball? Oder die, die ihr noch bis zum bitteren Ende blieben? Liebesakte? Abendliche Bürstenstriche? Wir wissen es nicht.