Fund der Endleben-Dialoge und des Höllentrichters 


Merkwürdige Stille in dem zerfallenen Kirchenschiff. Das Dach halb eingestürzt, die Wände kaum mehr vorhanden, nicht einmal mehr Splitterglas in den Fensterrahmen, drang dennoch von außen kein Laut zu uns in den Raum. Kein Vogelruf, kein Rauschen in den Blättern der hohen Bäume, die das verlassene Gotteshaus umstanden. Staubige Ruhe. Die Kirchenbänke davongetragen, der ans Kreuz genagelte Christus hinweggeschafft, ebenso wie seine Mutter, Maria, kein Heiliger zurückgelassen, keine Kerze, kein Schmuck. Nur eine zerborstene Schale aus Stein auf den rissigen, moosüberzogenen Bodenfliesen, das jetzt nutzlose Becken für geweihtes Wasser, und am Ende des Schiffes der ebenfalls steinerne Altar, noch leidlich intakt zwar aber schon schon im Begriff, in sich zusammenzusinken. Dahinter, an der sich gerade noch aufrecht haltenden Wand, ein riesiges seltsames Schriftgebilde in Form eines Trichters, dessen Spitze weit nach unten wies. Als wir näher traten, um die verblassten Wörter und Sätze zu entziffern, fiel uns eine zerfledderte grünlich-graue Mappe ins Auge, die auf dem Altar lag, in der Mitte, dort, wo einst der Pfarrer die Bibel aufgeschlagen haben musste. 
Während Kasimir etliche Fotos von dem Wandgemälde, dem von unbekannter Hand gezeichneten Schriftzug machte, den er später transkribieren und duplizieren würde, nahm ich die Mappe an mich, denn ich war davon überzeugt, dass jemand genau das von mir erwartete. Ich öffnete sie, und zum Vorschein kamen zusammengeheftete Seiten, grau und fleckig und porös, die Ränder wie von kleinen Tieren angefressen. Vorsichtig schüttelte ich den Staub aus dem Manuskript, das keinen Titel trug und kein Datum und keinen Verfasser nannte, begann darin zu blättern. Ein Dialog mit wenigen Regieanweisungen war es, ein Theaterstück vielleicht oder ein Hörspiel. Ich vertiefte mich in den mit Schreibmaschine getippten Text, bis mich ein schweres Flügelrauschen aufschreckte. Unwillkürlich zog ich den Kopf ein, doch als ich mich umblickte, war weit und breit kein Vogel in Sicht. 
Kasimir hatte die alte Kirche bereits verlassen. Ich schlug die Mappe zu und verstaute sie in meinem Rucksack. Dann folgte ich ihm.

Eine Abschrift der ersten Szenen des "Stücks" findet ihr weiter unten. 

ENDLEBEN-DIALOGE

 

1. Szene 

 

Eine Frau mit Flügeln (einer lädiert) und ein Mann ohne Gesicht sitzen auf zwei vergammelten Stühlen auf einer von Zeit, Regen und Wildnis ruinierten Straße. Schweigend starren sie in die Flucht Richtung Horizont, hinter ihnen bricht ein Fenster aus den Rahmen, zersplittert auf dem rissigen Teer.

 

MANN OHNE GESICHT: Es fühlt sich leicht an, hier an diesem Ort. Merkst du nicht auch, wie du Gramm für Gramm verlierst? Ach, ich vergaß, du wiegst ja nichts, du Himmelswesen!

 

FRAU MIT FLÜGELN sachlich aber durchaus freundlich: Bitte entschuldigen Sie, aber ich spreche nicht mit Fremden.

 

MANN OHNE GESICHT: Dann bitte ich um Entschuldigung, ich kenne dich aber. Ich habe mich dir noch nie vorgestellt, dabei bist du mir ganz nah, wir könnten Geschwister sein, wenn wir es nicht sogar sind. Wer weiß das schon?

Es knirscht im Gebälk eines Hauses 

Also ganz formell: Guten Tag, ich bin der, der das Licht nicht liebt, den Gestank vorzieht und der kein Gesicht besitzt. Es freut mich sehr, dich zu treffen, so nah dir zu sein, nicht nur in meinen Träumen.

 

FRAU MIT FLÜGELN: Guten Tag. Sehr erfreut. Ich möchte Sie aber herzlichst bitten, mich zu siezen, bis wir uns ein wenig näher kennengelernt haben, Mann ohne Gesicht. Auch ich bin Ihnen schon begegnet, in den Bewusstseinszuständen, die gemeinhin Träume genannt werden, Zustände, die mich dunkel ahnen lassen, dass es Sie gibt, belebte Bilder, die über mich kommen, wenn Stille herrscht und ein flirrendes Licht sich ausbreitet - denn Schlaf kenne ich nicht.

 

MANN OHNE GESICHT: Allein die Aussicht, dass SIE mir irgendwann eine persönliche Anrede gestatten werden, ist mir eine große Freude. Ich spüre eine Verwandtschaft, auch wenn es eine zwischen Nordpol und Südpol sein mag und eine ganze Welt zwischen uns liegt. Ich glaube, ihr Chef hat uns nicht aus einer flüchtigen Laune hierher eingeladen. Eine Ruine, dieses Dorf, Endleben, ein Name, der sagt, was seine Bestimmung ist. Mein Auftrag ist es, abzuwickeln. Das kann ich bestens, alles, was mir in die Hände gerät, verflüssigt sich und wird schließlich Staub, die Handelsmasse meiner Firma. Wenn ich mich vorstellen darf in meiner Eigenschaft als Liquidator und Beendiger jeglicher Gesellschaft. Und Sie, meine Dame? Sie sind dann wohl der Engel aus dem Amt für Dorfsanierung?

 

FRAU MIT FLÜGELN: Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, warum ich hier bin. Auf Erden. Aber auch, wenn ich nicht auf Erden bin, weiß ich oft nicht, wo oben und wo unten ist, rechts und links. Wo ich herkomme? Aus einem Amt jedenfalls nicht. Ich habe auch nicht den Auftrag erhalten, das Dorf hier, Endleben, zu sanieren oder sanieren zu lassen. Sie sprechen von meinem Chef. Doch ich habe keinen. Zumindest nicht, dass ich wüsste. Ich glaube nicht, dass ich von jemandem gelenkt werde. Wer sollte das sein? Nein, ich bin freischwebend unterwegs - im wahrsten Sinne des Wortes. Frei schwebte ich am Himmel, als mir ein verirrter und höchst verwirrter Kranich entgegenflog und mich streifte. Da geriet ich ins Trudeln und fiel genau HIER zu Boden. In Endleben. Nun muss ich warten, bis mein rechter Flügel geheilt ist, vorher kann und will ich diesen Ort nicht verlassen, denn solche wie ich gehen gemeinhin nicht auf zwei Beinen. Aber wenn ich mich so umschauen, wird es mir in diesem Dorf höchstwahrscheinlich nicht langweilig werden. Es gibt so viel zu tun. Habe ich Sie also richtig verstanden, Mann ohne Gesicht, dass Sie Endlebens Ende noch beschleunigen wollen und dass Sie davon ausgehen, dass wir von jemandem hierhergeschickt wurden, den sie meinen Chef nennen? Und der Kranich? Eine Chimäre? Oder alles nur Show? Ich bin verwirrt. Aber, ja, ich spüre auch eine gewisse Anziehung zwischen uns beiden, mein Herr, Verwandtschaft nennen Sie es, eine sehr ferne muss es wohl sein, aber vielleicht auch ein Gefühl, entsprungen aus einem Lichtblick.

 

MANN OHNE GESICHT: Ich wundere mich über ihre Ahnungslosigkeit. Da baumeln sie am Himmel herum, landen ganz zufällig hier in Endleben und glauben doch tatsächlich, alles wäre Zufall. Wie kann man nur so frei von Verdacht sein, hierher bestellt worden zu sein? Sie haben ihren Flügel verloren, wer soll das eigentlich noch reparieren? Und ich mein Gesicht. Ich glaube, wir stecken fest. Mir soll es egal sein, ich habe keine Erwartung, ich brauche auch nichts tun, hier verfällt alles von selbst. Menschenleer, Wunder braucht es hier nicht, wer sollte sie sehen? Hier gibt es nichts zu tun.

 

FRAU MIT FLÜGELN: Schauen Sie doch! Mein Flügel wächst schon nach! Er ist zwar nicht organisch aber aus mentaler Materie. Anders als diese Dächer und Wände hier, diese Fensterrahmen und Türen, die sind verloren, das sehe ich, da wächst nichts mehr nach, da baut sich nichts mehr zusammen, weder im Hier, im Jetzt, noch in Gedanken - alles zerbröckelt, zersplittert, zerplatzt. Ach, ich muss weinen, so traurig, so traurig.... Ein Wunder! Wir brauchen doch ein Wunder!

 

MANN OHNE GESICHT: Na klar, ein Wunder!! Bei allem Respekt, das ist mal wieder typisch Himmelsstrategie! Hier gibt es doch nichts zu heulen, eher zu lieben, diese wunderbaren Klänge des Zerfalls, Mörtel, der sich löst und klingt wie eine Violinsaite, die zerreißt, aber in einem kaum wahrnehmbaren Tempo, dieses Zersplittern, ein solch heiliger Sound in meinem Ohren, wie das leise Rieseln von Pulver, der gesegnete Gang zu Staub und Korn, der Essenz aller lebendigen Bestimmung, und das wunderbare Platzen, wie großartig das langatmige Donnern des hervorlugenden unendlich tiefen Hohlraums - eine Symphonie! 

Hätte Beethoven nur ein wenig Geduld gehabt und natürlich ein wenig Demut vor den Falten dieser unserer "schöpferischen" Welt, so wie wir hier in Endleben, genau so hätte seine Schicksalskomposition geklungen. Ich könnte ihr ewig zuhören, ihr aus dem Himmel habt dafür kein Ohr, bei euch da oben ist immer alles so fortissimo. Ist das nicht eigentlich auf Dauer ein wenig anstrengend?

 

FRAU MIT FLÜGELN: Sie irren! Ich höre den schönen Klang und die erhabene Melodie des Verfalls, des Todes, des in Schutt-und-Asche-Fallenden, des Vergehenden und Verwesenden sehr wohl! Mehr noch: Ich liebe diese Musik, so wie ich alles liebe, das entsteht und vergeht. Dennoch trauere ich darüber. Denn die Klänge des Werdens stehen mir näher als die Fugen des Sterbens. Auch für Ihr nicht vorhandenes Gesicht, lieber Mann, würde ich Tränen vergießen, wenn es mir möglich wäre. Aber meine Augen bleiben trocken, mein Körper ist astraler Natur, die Tränen bleiben Metapher. Ach, ihr schönes Gesicht, wo haben Sie es nur verloren?

 

MANN OHNE GESICHT: Ich kenne Traurigkeit nicht, also zumindest nicht als Gefühl. Aber ich habe davon reden gehört. Die Irdischen scheinen sogar einen Ort dafür erfunden zu haben. Auch hier in Endleben soll es einen solchen geben, Hof des Friedens, wie man ihn nennt, ich glaube, diese Orte stehen unter der direkten Befugnis Ihres Chefs, warum hat man ihn sonst früher Gottesacker genannt? Wie man mir erzählt, werden hier viele Tränen vergossen. Ist das auf Anordnung von oben oder ist das wieder einmal so ein Spleen der Irdischen? Wie wäre es? Wollen wir ihn einmal besuchen? Wenn ich um ihre astrale Hand bitten dürfte.

Sie stehen auf, machen sich auf den Weg

Wussten Sie eigentlich, dass das antike Rom zwei Städte umfasste? Eine oberirdische mit dem ganzen Tamtam der Lebenden und eine unterirdische, wo sich die Toten unterhielten, aber weder weinten noch lachten?

 

FRAU MIT FLÜGELN: Aber ja, das wusste ich, ich war sogar schon einmal dort, oben wie unten - wir Himmlischen können überall sein. Und zu jeder Zeit. Sie etwa nicht, Mann ohne Gesicht? Ihre Hand fühlt sich übrigens sehr kalt an, wenn ich das mal sagen darf. Kälte spüre ich sehr wohl, wenn auch nicht in meinen astralen Gliedern. 

Der Gottesacker.... wie der hier wohl aussehen mag? Gibt es noch gepflegte Gräber, frage ich mich, Blumen und Kerzen? Wir werden sehen. Achtung, stolpern sie nicht, da liegt ein schweres Gewicht, mag sein ein Stein, herausgebrochen aus dem schönen Haus dort. Ach, wie überaus traurig auch das. Aber ich steige und sehe darüber hinweg. Achtung! - dass Sie nur nicht an dem Mauerbrocken hängenbleiben und stürzen. Wo sind eigentlich ihre Flügel? 

 

MANN OHNE GESICHT: Es ehrt mich sehr, dass Sie nachfragen. Leider bin ich nicht in der Lage, Ihnen eine wirklich gute Antwort darauf zu geben. Ich bin im Nichts aufgewacht, in der Dunkelheit, und wenn Sie auf die Kälte meiner Hand zu sprechen kommen, ich vermute mal, dass ich ein Wesen ohne Empfindung bin, eben ein Wesen, dass aus dem Loch, in das hinein alles Lebendige verschwindet, herausgekrochen ist, vielleicht ein Flüchtling der Leere. Dieses Dorf hier, diese Ruine von Endleben, erinnert mich sehr an mein Loch, auch wenn es mich doch sehr beunruhigt, ich höre noch so viele nachhallende Stimmen. Glauben Sie wirklich, dass ich einmal Flügel gehabt habe? Dann hätte es ja auch für mich ein Leben vor dem Loch gegeben. Wie auch immer, ich kann mich nicht erinnern. Schauen sie meine Astraldame, da ist der Rest von der Kirche, dann kann der Gottesacker nicht weit sein. Wirklich bemerkenswert, dass Tod und Leben so nah beieinander liegen. 

 

FRAU MIT FLÜGELN: Bitte halten Sie mich nicht für schwach oder sentimental oder beides - aber das, was Sie über sich erzählen, stimmt mich schon wieder sehr, sehr traurig. Warten Sie, ich muss einen Moment stehenbleiben und mich sammeln. Mein Stumpf schmerzt auch ein wenig, muss ich zugeben, obwohl - schauen Sie nur! - bereits der Ansatz eines neuen Flügels zu sehen ist. Dieser Durchbruch ist es wohl, der weh tut.

Sie bleibt stehen, schließt einige Sekunden die Augen. 

So, nun geht es wieder, danke für Ihre großherzige Geduld. Ach, ... großherzig!? Sie empfinden ja angeblich nichts, können also auch nicht mitfühlen, Sie armer, armer Flüchtling der Leere. Wie gerne würde ich Ihnen Gutes tun, Sie heilen, aber das steht mir nicht zu. Stünde es in meinem Ermessen, würde ich Ihnen auch neue Flügel schenken! Wer hat sie Ihnen bloß herausgerissen, wer hat sie gestohlen? Oder haben Sie sie nur irgendwo abgelegt und vergessen? Dann könnten wir uns auf die Suche nach ihnen machen. Vielleicht liegen sie sogar auf dem Altar dieser Kirche, der Schwärze geopfert. 

Aber.... soll das wirklich die Dorfkirche sein? Da stehen ja nur noch ein paar mürbe Außenmauern. Ich muss schon wieder weinen, in mir entsteht gerade ein tiefer Tränensee, der über die Ufer treten wird, wenn ich noch lange in diesem melancholiegeschwängerten Dorf verweile und in Ihrer ach so dunklen Gesellschaft.

2. Szene


Mann ohne Gesicht und Frau mit eineinhalb Flügeln betreten den verwilderten Gottesacker, der rund um die Dorfkirche gewachsen ist, die still zerfällt


MANN OHNE GESICHT: Um ganz ehrlich zu sein, ein Ort wie dieser hier irritiert mich, denn er will doch sagen: Schaut her, hier liegen die Gebeine der alten Frau Sowieso aus dem Dorfe Sowieso, seht, der Stein bezeugt unsere armselige Vergänglichkeit, kniet nieder und weint! 

Dann klingen die Glocken dazu, weil sie das Herzschlagen so schön imitieren können. Das ist ein seltsames Gebaren, das mich immer wieder verwundert. 

Ich frage mich, ob die Glocke noch zu schlagen vermag dort oben im Kirchturm. Lassen Sie uns versuchen, sie zu läuten, lassen Sie uns sehen, ob ein letzten Rest Herzschlag hier in Endleben noch zu hören ist - und wenn nicht, dann schwören wir uns, keine Tränen mehr zu vergießen. Kommen Sie! Treppe oder wollen Sie fliegen?


FRAU MIT FLÜGELN: Mit Verlaub, ich kann momentan nicht fliegen - flöge ich, käme ich mit nur einem Flügel arg ins Trudeln, drehte mich immerfort um mich selbst. Wir nehmen die Treppe. Da! Horchen Sie! Dieser dunkle, dumpfe Klang! Sind das die Glocken, von denen Sie eben noch sprachen? Aber, warten Sie, es schallt ja aus Ihnen heraus, Mann ohne Gesicht. Mag das wohl Ihr Herzschlag sein? Haben Sie ein Herz? Wo Sie mich doch um eine Definition von Traurigkeit baten und angaben, Gefühle seien Ihnen fremd. Aber es schlägt etwas in Ihnen in einem tiefen Rhythmus. Ob es Endleben ist, das Sie in sich tragen?


MANN OHNE GESICHT: Das irritiert mich, wenn die Himmelsmächte nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte sind und dann auch mangelhaft im Gehörgang! Lassen Sie uns sehen, ob die Glocken schlagen, sofern sie noch nicht vom Zahn der Zeit zum Verstummen gebracht worden sind. Kommen Sie, lassen Sie sich die Hand von einem Herzlosen reichen. Hinauf, da kennen Sie sich doch aus! Von mir wird ja erzählt, es ginge mit mir immer nur nach unten. Ich wüsste nicht, was falscher wäre. Ich bin doch immer da, und wenn es mir beliebt, klopfe ich auch einmal am Himmel an, in der Regel aber nur, wenn ich Urlaub habe vom Untergang. Dann gönne ich mir einmal den Blick auf die brennende Steppe Sibiriens. Bei der Gelegenheit: Ich wüsste schon gern, was Sie in dieses Dorf hier getrieben hat. Ich habe meine Arbeit getan, ich kann vermelden: Abriss! Gibt es noch etwas zu bilanzieren? Haben wir noch Protokoll zu führen? - Achtung, ab hier wird es ein Schutthaufen! Und da vorne ist der Glockenstuhl!


FRAU MIT FLÜGELN: Bitte verzeihen Sie, aber Ihre Hand möchte ich nicht noch einmal berühren, die eisige Kälte und deren Fluss durch meinen gedachten Leib kann ich nicht ertragen, dazu ist dieser Körper zu fragil - zumal mit nur eineinhalb Flügeln, da gerät man, ich sagte es schon, leicht mal aus dem Gleichgewicht. Und ich muss Ihnen leider auch widersprechen, nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber auch bei mir geht es nicht immer nur hinauf in luftige Himmelshöhen. Auch ich kenne den Sturz nach unten, den freien Fall, und wäre er damals nicht aufgehalten, nicht abgefedert worden durch eine helle Macht, dann ginge es mir jetzt möglicherweise wie Ihnen und ich müsste, um Licht zu sehen, aus schlammigen Löchern kriechen. Sei’s drum, werter Mann ohne Gesicht, ich folge Ihnen brav bis zum Glockenstuhl. Ach! Da hängt es ja noch, das schwere Ungetüm von Glocke. Und in ihrem Innern ein Schlegel, zerfressen zwar von Rost und Zeit aber ein Schlegel. Sagen Sie, wollen wir die Glocke zum Klingen bringen?


MANN OHNE GESICHT: Gut, ich läute! Vielleicht wecken wir die Toten, aber ich fürchte, wenn es so wäre, so würden die sich wieder hinlegen und sagen: Was geht es uns an? Ist doch nur Feueralarm und keinem von uns mag es noch unter den Nägeln brennen.

Er hängt sich an das Seil


FRAU MIT FLÜGELN: Oh mein Gott! Was für ein Lärm! Ich stürbe, müsste ich nicht ewig sein! Oh ja, Sie wecken die Toten mit ihrem Geläut! Sie schreit: Hören Sie, Sie wecken die Menschen in ihren Gräbern! Und leise, mehr zu sich selbst: Lassen Sie die armen Seelen doch ruhen. In Frieden. Und in Ewigkeit. Amen. Sie schreit wieder: Lassen Sie das Seil los, Sie Elender!


MANN OHNE GESICHT: Niemand wird aufstehen, Endleben hat sich für den Tod entschieden, nicht für den Schlaf. Dieser Ort ist eine Wüste. Hören Sie: Das ist der Beweis. Ich könnte noch lauter werden, doch drumherum wird es niemanden scheren. Niemand sieht, niemand fühlt, niemand hört. Wir sind allein. Ist das nicht ein wunderbares Gefühl, allein zu sein? Ein Ort ohne Energie, ohne dieses furchtbare Wachsen-wollen, dieses verdammte Kinder-in-die-Welt-setzen, diese hysterische Reizbarkeit, ohne dieses Hierhin und Dorthin, dieses stete Fragen, was muss ich tun, damit es mich morgen auch noch gibt? Wie sinnlos ist das denn? Verdammt noch mal, überall auf dieser Welt diese Ignoranz gegenüber dem Nichts-sein. Ich mische den Leuten immer wieder was ins Essen, verderbe ihren Sex, lasse sie glauben, der andere sei ein Verräter, ich lasse sie lügen in jedem einzelnen Moment, so dass man annehmen könnte, es müsste sie selbst anekeln - was es, unter uns gesagt, auch tun würden, wenn sie eben keine Lügner wären. Aber, ganz ehrlich, man muss sich schon persönlich um den Untergang kümmern, wenn man sicher gehen will. Verdammt zähes Pack, aber sie sind verschwunden, und sie kommen nicht wieder, so laut ich die Glocken auch schlage! Ist nichts für Ihre sensiblen Ohren, nicht wahr, mein astrales Schätzchen?


FRAU MIT FLÜGELN: Das "astrale Schätzchen" möchte ich mir leise, so wie es meine Natur ist, dafür um so nachdrücklicher verbitten! Aber zurück zur Sache: Haben Sie, werter Mann ohne Gesicht, in Ihren übelriechenden Katakomben noch nie vom Genius Loci gehört? Auch hier schwirrt und schwebt er umher. Von wegen, dieser Ort hat keine Energie! Sie mag sich umgekehrt haben aber: Energie verschwindet nicht, löst sich vielleicht auf wie ein Eisbrocken, doch zurück bleibt Wasser, das wieder verdampft, hinabregnet, gefriert... na, Sie kennen den Lebenszyklus sicher noch. Und in der Geisterwelt, mein Lieber, ist es nicht anders. Das Nichtsein gibt es nicht. Nirgendwo ein Nichts, bitte glauben Sie mir. Auch hier wandeln noch die Toten umher, die Vermissten, die Verschwundenen und Verwunschenen.


MANN OHNE GESICHT: Nochmal, werte geflügelte Erscheinung des Himmels mit kleinen Macken im Gefieder: Ich habe meine Katakomben, aber arbeiten tue ich hier bei diesen verrückten Lebewesen mit den auswuchernden Organen, meinem geliebten Unkraut. Sollte es jetzt Ihre Aufgabe sein, diese Ruine neu zu beleben, aus welchen unsinnigen Gründen auch immer, dann muss ich allerfreundlichst darauf hinweisen, dass das hier alles schon abgewickelt ist, alles erledigt, Konkursmasse. Und das mit dem Genius Loci, das ist einmal mehr eine seltsamen Idee aus den Büros der Himmelsverwaltung. Wenn es die Wirklichkeit nicht bringt, dann greift man gerne in die magische Kiste, dann erfindet ihr Geister. Aber was ist es denn, was wir mit dem Blick hinunter auf Endleben sehen? Das ist nicht der Schatten des Vergangenen, das ist das Nichts, die Abwesenheit, eine Menge ohne Inhalt, ich ziehe es vor, zu sagen: das Unbekannte. Ich weiß, ihr von da oben, ihr Lakaien der Schöpfung, könnt es nicht ertragen, das Wort UNBEKANNT, sofort wollt ihr es auflösen, ich aber ziehe es vor, das Unbekannte das eigentliche Weltreich zu nennen. Hören Sie die Stille, das ist der Sound des Unbekannten. Aber Moment mal, sehen Sie das? Da flattert etwas, es ist groß. Ist das ein Vogel, ist das eine Eule?


FRAU MIT FLÜGELN: Hah! Eine Eule! Und das nennen Sie NICHTS! Ich muss sagen, Ihr schwefliges Geschwafel über die Abwesenheit von ETWAS, das Sie das UNBEKANNTE nennen, geht mir langsam auf den Geist! Das hat doch weder Hand noch Fuß. Und ich sage es Ihnen gerne noch einmal: NIEMAND hat mich hierher geschickt, ein wahrhaft glücksbringender Kranich hat mich gerammt - und ich fiel. So war das! Amen! Von mir aus können Sie gerne an den Geistern zweifeln, ich selbst bin ja einer und mache mich zudem gerne mit ihnen gemein. So wie auch mit dem Genius Loci. Der webt hier sein Gespinst. Auch die Eule weiß das. Da! Sehen Sie nur! Sie landet auf einem maroden Grabstein. Ein Zeichen! Wahrlich! 


MANN OHNE GESICHT: Mir können Sie doch ruhig alles verraten, wer sie beauftragt hat, welche Aufgabe Sie hier haben usw. Die Geschichte mit dem Kranich glaube ich mal gar nicht! Ihr Chef von oben hat hier keine Befugnis mehr, hier hat es sich ausgeschöpft. Aber die Eule da, DAS ist der Geist des Ortes. Kommen Sie, wie müssen ihr folgen. Sie wird uns verraten, was mit dieser Ruine geschehen soll. Schade, dass ihre Flügel außer Betrieb sind, ich könnte mich an Sie hängen und wir könnten losflattern, wohin wir wollten.


FRAU MIT FLÜGELN: Jetzt reicht's. Mit Verlaub: Sie können mich mal! Glauben Sie doch, was Sie wollen und von mir aus auch gar nichts! 

Sie schaut über ihre Schulter

Da, sehen Sie, das Flügelchen ist schon bald wieder komplett. Nur noch ein Bruchteil der Ewigkeit und ich kann der Eule, die Sie als Geist dieses Ortes bezeichnen, die aber lediglich eine Metapher desselben ist, bis in die dichten Kronen der höchsten Bäume folgen - aber ohne Sie als tonnenschwerem Anhang, das versichere ich Ihnen hiermit hoch und heilig. 


MANN OHNE GESICHT: Ich wollte nur in aller Bescheidenheit darauf hinweisen, dass die Schöpfungswerkstatt auch mal Pause macht, vielleicht auch mal Ersatzteile fehlen oder das Personal nicht ganz auf der Höhe ist. Ich gebe zu, in dieser Hinsicht habe ich einen einfachen Stand, in meiner Werkstatt läuft ja alles auf Konkurs hinaus. „Ihre Werkstatt für Vernichtungen aller Art aus Meisterhand, ganz in ihrer Nähe!“ Aber wie der Himmel sich selber preist: „Himmel-wolkig, ohne Sorgen“ oder „Lebst du noch oder träumst du schon?“ oder „Himmel - die zarteste Versuchung, seit es Sex gibt“. Sind doch alles leere Versprechungen. Euer Laden hat ganz schöne Macken, könntet ihr wenigstens im Kleingedruckten erwähnen. Hier, meine Dame, schauen Sie sich um: Die alle hier haben an euch geglaubt, an eure Slogans: „Alle Arbeit ist nichts anderes als ein Finden und Aufheben der Güter Gottes“ oder „Wir leben, um zu arbeiten“ oder, oder, oder. Und was sehen wir hier? Konkurs. Endleben schon morgen völlig vergessen.


FRAU MIT FLÜGELN: Himmel hilf, was war das!? Ein Rauschen, ein Flügelschlag.... Da, schon wieder! Die Eule auf Kamikaze-Kurs! Deckung! Das war knapp. Was hat sie vor? Will sie uns von diesem Ort vertreiben? Da kommt sie schon wieder angeschwirrt! 


MANN OHNE GESICHT: Schauen Sie, der Dorfgeist setzt sich auf das Hauptgebälk der Heiligkeit. Ein sehr alter Mann aus den frühesten Tagen unseres zynischen Zeitalters hat einmal gesagt: "Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug." Grau in grau, weder mein schwarzes Reich noch Ihres, meine Dame, weiß und blau, wenn Ihr Chef das Licht anstellt. Und grau in grau schaut die Welt in ihren eigenen Untergang, und ganz unten empfange ich die Leute dann und lache sie aus wegen ihrer Schattenpinselei - aber so seid ihr, liebe Endlebener, nicht wahr, liebe alte dumme Eule?


FRAU MIT FLÜGELN: Ich erkläre es Ihnen gerne noch einmal, Mann ohne Gesicht, denn Sie scheinen es einfach nicht verstehen zu wollen: Ich habe KEINE Vorgesetzten - weder einen Boss, der sich GOTT nennt, noch eine Chefin, die die Mutter Jesu ist. Ich operiere ganz alleine! Wer ich bin, können Sie nicht wissen - und ich verrate es Ihnen auch nicht. Ihre Vorstellung von herumflatternden Engeln, den Himmelsboten, ist völlig überholt. Dieser Glaube der Menschen ist aus einem tiefen Missverständnis heraus entstanden, aus einer Erzählung, an die die Menschen glauben wollten in ihrer Hilflosigkeit, in ihrer Einsamkeit, ihrem schwachen Dasein. Hören Sie jetzt ein für alle Male damit auf, mich in die himmlische Schublade zu packen, sonst stürze ich Sie vom Glockenturm. Und fliegen können Sie nicht, mein Lieber!

So, jetzt bin ich richtig ins Schwitzen geraten. Zurück zur Sache. Endleben ist von Grau überschwemmt, da haben Sie wohl recht. Und niemand hat vor, den Schleier beiseite zu ziehen, auch wenn Sie mir das immer wieder unterstellen. Ich schaue nur. Und sehe Grau. Aber nicht schwarz. Schwarz-weiß hingegen malen Sie. Ich glaube grundsätzlich an die Macht der Veränderung. Wenn ich mich hier im Dorf allerdings so umschaue, schleicht sich selbst bei mir eine gewisse Skepsis ein.

Wo sagten Sie sitzt die Eule? Ach, auf der Kirchturmspitze. Ich glaube, sie will uns nicht angreifen, sondern uns etwas mitteilen. Aber was kann das sein?


MANN OHNE GESICHT: Es war keineswegs meine Absicht, Ihnen etwas zu unterstellen, aber na ja, man hört so Gerüchte. Da, die Eule fliegt an den höchsten Punkt dieser Ruine hier, man kann sie sehen durch das zerrissene Kupferdach. Ach jetzt muss ich lachen, sie setzt sich genau auf den Turmknopf. Moment mal, Verehrteste, beinhaltet der Turmknopf nicht eine Zeitkapsel? Es war doch schon immer die Idee, ein besonders wichtiges Dokument unzugänglich aufzubewahren. Und jetzt schauen Sie: Die Eule zerrt am Knopf, hören sie das Knirschen? Da, er fällt herunter!

DerTurmknopf landet vor den Füßen der Frau mit Flügeln


FRAU MIT FLÜGELN: Bei allen Heiligen, mit geheimen Dokumenten will ich nichts zu tun haben! 

Sie tritt vor den Knopf, kickt ihn elegant zum Mann ohne Gesicht hinüber, lächelt milde. 

3. Szene 


FRAU MIT FLÜGELN: Nun starren Sie schon eine geraume Weile auf den Knopf vor Ihren Füßen, Mann ohne Gesicht, starren gedankenverloren, geradezu traumbeseelt auf dieses Ding, in dem sich angeblich eine Zeitkapsel verbirgt, rühren sich nicht, stehen da wie eingefroren. Wie ist Ihnen zu Mute? Haben Sie Angst, der Zeit ins Gesicht zu sehen?


MANN OHNE GESICHT: schweigt beharrlich


FRAU MIT FLÜGELN: Wie ich bereits erwähnte, ist Zeit für mich kein Faktor - die Stunden, die wir jetzt schon hier oben im Kirchturm vor diesem Ding stehen, könnten auch Sekunden sein oder Jahre, gleichzeitig halte ich mich in der Vergangenheit auf und in der Zukunft. Dennoch staune ich über Ihr konsequentes Schweigen. Was brüten Sie aus?


MANN OHNE GESICHT: Sie lügen doch, gerade für Sie, werter Engel, ist doch Zeit ein Schatz, etwas sorgsam Abgezähltes. Aber nett von Ihnen, dass sie Grübeln vermuten, wo Nichts ist. Ich muss mich wohl dafür entschuldigen, dass ich manchmal so wirke, als sei ich nicht anwesend. Das ist deshalb so, weil ich in diesen Momenten wirklich nicht anwesend bin, dann bin ich tot. Aber jetzt wieder mal zurück in das anstrengende Leben. Also, wollen wir mal sehen, was Endleben der Nachwelt für eine Nachricht zukommen lässt. Ich bin mir sicher, es wird das übliche Geschwafel von den Triumphen der Arbeit und der Ausdruck von Hoffnung sein, so was wie "Seid umschlungen, Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt!"

Er öffnet den Turmknopf


FRAU MIT FLÜGELN: Mich der Lüge zu bezichtigen, ist eine riesengroße Unverschämtheit! Alles, was ich sage, zweifeln Sie an. Warum eigentlich? Und warum nennen Sie mich immer wieder Engel, obwohl ich Ihnen schon 100 x erklärt habe, dass ich keiner bin? Wissen Sie was, diese Defensive, in die Sie mich ständig drängen, ist mir zu anstrengend. Ich mag es leicht und luftig. Seien Sie doch alleine tot! Ich schwebe jetzt davon mit meinen eineinhalb Flügeln und lasse Sie mit dem Inhalt der Zeitkapsel hier stehen - falls es sich überhaupt um eine solche handelt. A Dieu, mein Freund! Vielleicht sieht man sich in 1137 Jahren mal wieder!


MANN OHNE GESICHT: Sie sollten sich das nochmal überlegen. Denn, schauen Sie, hier ist ein Brief in der Kapsel, und wenn mich nicht alles täuscht, ist er an Sie gerichtet. Gestatten Sie, dass ich vorlese?

Er fuchtelt mit einem Zettel vor der Nase der Frau herum, die aber lässt sich zu keinem Kommentar verleiten.

Also, es ist eine sehr liederliche Handschrift, mir scheint in Eile geschrieben. Hören Sie, wertes Wesen mit Flügeln: „Wir werden gegangen/gefangen sein. Irgendwo treiben wir uns herum, vielleicht sind wir aber auch schon tot/fort. Wer mögen Sie wohl sein, der uns besucht, lange nachdem wir Endleben verlassen haben? Sind sie weiß, schwarz, fliegen oder kriechen Sie? Für uns werden Sie immer ein Geheimnis bleiben, wir werden Sie niemals kennenlernen, denn Sie tanzen/pflanzen auf unseren Überresten. Sie hätten früher kommen sollen, lieber Gast aus der Fremde, man hätte mit Ihrer Hilfe bessere Lösungen als unser Verschwinden finden können, aber es beliebt Ihnen wohl, flügge zu sein, während wir noch an den dünnsten Ast uns klammern.“

Pause

Sehen Sie: Sie sind doch gemeint!


FRAU MIT FLÜGELN: Indirekt, mein Freund ohne Gesicht, aber diese Botschaft an die Nachwelt stimmt mich nachdenklich. Ich glaube, ich bleibe doch noch ein Weilchen hier, die Beleidigte kann ich ja später noch spielen, wenn mein ramponierter Flügel komplett nachgewachsen ist. Nun, wie wollen wir dieses Schreiben deuten? Wir wissen ja, wer wir sind - zumindest wissen Sie, wer Sie sind und ich wer ich bin. Aber wer waren diese Endlebener? Wer oder was hat ihr Verschwinden verursacht? Welches Szenario mag es gegeben haben, dass sie zum Verlassen des Dorfes bewogen oder gezwungen hat? Liegen Sie hier unter der Erde oder halten sie sich an einem anderen Ort auf, einem weltlichen oder interstellaren oder gar lediglich erdachten - tot oder lebendig? 


MANN OHNE GESICHT: Ja, ich hatte mir mehr erhofft als diese Botschaft. Doch: Ist es nicht seltsam, dass man sich das Auftauchen einer Retterin wünscht aber erwartet, dass sie zu spät kommen wird? Welchen Sinn macht es, sich solche vergebliche Hoffnung zu machen. Naja, mich soll das nicht weiter interessieren, ich bin nur der Abwickler. Dem Friedhofsgärtner ist es ja auch egal, auf wen er die Blumen pflanzt, Leiche ist Leiche, endlich sind diese Mensch-Wesen endlich alle gleich. Wenn man sich das Drama um diese Tiere anschaut, dann kommt man doch immer zu dem Schluss: Sie schaufeln sich leidenschaftlich ihr eigenes Grab, immer nur deswegen, weil der eine etwas Besseres sein will als der andere. So wird es auch hier in diesem Endleben gewesen sein. Ich würde Sie ja gerne, auch wenn ihre Gesellschaft mir irgendwie gut tut, alleine lassen mit diesem Gerümpel hier, leider muss ich ein Abschlussprotokoll schreiben, und das wird mir nicht abgenommen, wenn nicht vermerkt wird, warum dieser Ort im Nichts verschwinden soll. Eine Formalie, sicher, aber so sind die Vorschriften. 


FRAU MIT FLÜGELN: Ach, Sie sind jemandem Rechenschaft schuldig? Wer mag das sein? Und: Werden Sie in Ihrem sogenannten Abschlussprotokoll dafür plädieren, dass dieser Ort hier, Endleben, vollkommen und endgültig nicht nur geographisch getilgt, sondern auch von der Landkarte der Zeit und der Erinnerung verschwinden soll und muss? Das frage ich Sie, in der Hoffnung, doch noch einen Dreh in diese ganze Sache zu bekommen. Zumindest, was die Erinnerung betrifft, wäre ich sehr dafür, dass dieses Dorf, oder besser gesagt: ehemalige Dorf, nicht im Nichts untertaucht. Aber so, wie ich Sie in den letzten Stunden kennengelernt habe, werde Sie wohl für die vollkommene Auslöschung sein, oder?


MANN OHNE GESICHT: Etwas ist ausgelöscht, wenn sich niemand mehr erinnert. Endleben existiert, wenn es nur einen gibt, der es noch im Kopf hat. Damit haben alle Dinge, die irgendwann einmal geschaffen worden sind, ein langes Nachleben. Meine Aufgabe tatsächlich ist es, die Akte zu schließen, also die Köpfe zu leeren. Ich liquidiere, und wenn ich sicher sein kann, dass niemand mehr sich dieses Ortes erinnert, dann bin ich befugt, Endleben verschwinden zu lassen. Wahrscheinlich werde ich die Deiche brechen lassen, damit das Land überflutet wird. So, jetzt wissen Sie, warum ich hier bin. 


FRAU MIT FLÜGELN: So, so, dann weiß ich nun also, warum Sie hier sind.... als hätte ich das nicht lägst gewusst! Denn aus Ihrem Anliegen ergibt sich mein Hiersein. Nicht, dass ich mich bewusst und durchdacht auf den Weg nach Endleben gemacht hätte, nein, nein, und ich wurde auch nicht in dieses Dorf beordert, wie Sie vermuteten, beileibe nicht. Aber ich tauche immer dann auf, wenn Erinnerungen ausgelöscht werden sollen. Ich bin gewissermaßen die Hüterin - und wenn es sein muss, auch Retterin - der Gedanken und Erinnerungen, dieser feinen, süßen Energie, die, wie ich selbst, körperlos dahinschwebt, der kein Atom oder noch kleineres Teilchen je nachgewiesen werden kann. Ich werde Sie an der Liquidierung des erinnerten Endlebens zu hindern wissen. Da nützt Ihnen kein Deichbruch, keine Flut, Mann ohne Gesicht, denn Erinnerungen sind stärker als Wasser, Gedanken überwinden jede Katastrophe. Das sollten Sie eigentlich wissen! Daher frage ich mich, ob die Erwähnung der Flut nur eine Finte ist, um mich von Ihren eigentlichen dunklen und geheimnisvollen Machenschaften abzulenken, mich in Sicherheit zu wiegen, um dann hinterrücks alles auf ganz andere, mir noch nicht bekannte Art auszulöschen.


MANN OHNE GESICHT: Wie ich meine, eine sehr undankbare Aufgabe, die Sie da haben. Auf welche Weise wollen Sie mir zuvor kommen? Wo Sie noch nach Erinnerungen suchen, habe ich schon alles zum Vergessen bestellt. Aber ich mag Sie, Ihre Gesellschaft tut mir gut, Sie mit Ihrem kaputten Flügel - klebt man den eigentlich mit Heiligenschein? Begleiten Sie mich durch die Ruinen. Verteidigen Sie jede Erinnerung, die wir finden, dass sie es wert ist, bewahrt zu werden. Ist sie es nicht, dann liquidiere ich. 

Längere Pause. Der Liquidator blickt in den Himmel, dann nimmt er den Zettel und verbrennt ihn in seiner Hand


FRAU MIT FLÜGELN: Sie fordern mich also heraus, zu einem Wettbewerb, einem Kräftemessen. Sie müssen sich Ihrer Sache sehr sicher sein, wenn Sie sich auf dieses Spiel mit mir einlassen wollen. Aber ich bin bereit - Top, die Wette gilt! Wollen wir doch mal schauen, wie viele Erinnerungspunkte wir auf der jeweiligen Seite sammeln können. Ich werde mit flammendem Schwert die Gedanken und Erinnerungen an Endleben verteidigen - metaphorisch betrachtet natürlich, eine wie ich ist ja Pazifistin - und Ihnen würde ich sowieso kein Leid antun, Sie rühren mich, so ohne Gesicht. Gehen wir also und lassen wir uns überraschen, was wir unter den Trümmerbergen finden. Geben Sie mir Ihre Hand, damit wir nicht fallen. Oh, sie haben da eine tiefe Brandwunden, die muss Sie doch schmerzen.


MANN OHNE GESICHT: Der Ort, wo ich mein Büro habe, kennt keine Schmerzen. Schmerzen - das ist eher ein Fall für Sie, was wächst muss Wunden tragen. Hier, meine Hand, folgen Sie mir in das, was man das Gemeindehaus mal nannte. 


FRAU MIT FLÜGELN: Machen wir uns also auf den Weg, verlassen wir den Turm. Vorsicht, die Stiege ist wackliger als zuvor! Dass Sie aber auch keine Augen im Kopf haben!


MANN OHNE GESICHT: Danke, aber ich komme klar, keine Sorge. 

4. Szene


MANN OHNE GESICHT: Schauen Sie, dort drüben, das könnte ein Gemeindehaus sein, wenn es Gerätschaften zum Brandschutz gibt, dann haben wir einen Treffer. Es war nämlich so: Man traf sich, und wenn es nötig war, wurde Feuer gelöscht, wenn Feuer löschen nicht sowieso die Aufgabe des Gemeindehauses ist. Kommen Sie, hier ist der Eingang. Ich prophezeie, die Erinnerungen sind im Keller. Hier ist eine Tür. Achtung, machen Sie ihren werten Flügel nicht schmutzig, hier ist alles voller Spinnweben. Aha, sieh mal an. Wir sind richtig.

FRAU MIT FLÜGELN: In den Keller folge ich Ihnen nur ungern - aber: Was muss, das muss. Ach, jetzt bin ich tatsächlich mit meinem schönen heilen Flügel durch ein fragiles Spinnennetz gestreift. Da muss ich bei der Spinne wohl Abbitte leisten - so viel Mühe hat sie sich mit ihrem Werk gegeben, und nun habe ich es zerstört. Und an meinem nachwachsenden Flügel klebt eine fette Staubfluse, sehen Sie nur! Ob Sie die wohl entfernen könnten, ich habe eine Stauballergie. Sie niest. Welche Erinnerungen hier wohl lagern mögen? Ach! Was ist das denn?

MANN OHNE GESICHT: Seltsam, dass mich Ihre Fürsorge für das Lebendige berührt. Ich muss krank sein. Gefühle sind so etwas Scheiß-Lebendiges, bin ja eher ein Anhänger der stumpfen kalten Vernunft. Was sehen Sie? Ach so, tatsächlich, wo kommt der denn her? Ein Esel, was für ein Zeichen. Ich bitte Sie, setzten Sie sich auf ihn drauf, denn wie steht es im großen Buche geschrieben? „Der Esel kennt die Krippe seines Herrn“. Und dann folgen wir ihm.

FRAU MIT FLÜGELN: Nie und nimmer setze ich mich auf das Tier! Das weiß doch jedes Kind: Esel sind störrisch. Der buckelt noch und wirft mich ab, und dann kann ich mich mit dem einen heilen Flügel nicht in der Luft halten und falle und falle und falle…. Aber so groß ist er ja eigentlich gar nicht. Und so zutraulich! Schauen Sie nur, wie zärtlich er an meiner Hand knabbert. Herrlich weich, seine Nüstern. Ich glaube, ich habe mich gerade in einen Esel verliebt. Aber reiten…? Nein! Versuchen Sie es doch mal, schwingen Sie sich auf den Rücken des Tieres. Und dann auf zur Krippe des Herrn! Aber was wollen wir da eigentlich? Wir müssten ja weit, weit durch die Zeit reisen bzw. reiten... Wollen wir uns nicht lieber auf die Gegenwart und jüngste Vergangenheit in diesem hübsch-hässlichen Dorf konzentrieren? Vorsicht! Ich glaube der Esel wollte gerade auskeilen, stellen Sie sich nicht so dicht hinter ihn, das mag er nicht, er will Sie im Blick haben.

MANN OHNE GESICHT: Da, schauen Sie, er bewegt sich. Hinterher! - denn ich wiederhole: Der Esel kennt die Krippe des Herrn. Er bleibt stehen. Was ist das für eine Gebäude hier? Schwer zu sagen, nirgends steht etwas. Kommen Sie, da ist eine offene Tür. Immer dem Esel nach. Wenn ich mich so umschaue, ja, wir sind da gelandet, wo wir hinwollten, etwas Öffentliches, diese Flure und so, das mag das Rathaus sein. Um Nichts willen, jetzt klettert der Esel die Treppen hoch. Hinterher! Und noch eine Treppe! Wo willst du hin, Esel? Da, eine Luke, sie ist offen. Passen Sie auf den Flügel auf.

Sie betreten einen großen Dachboden mit riesigen Aktenschränken, alles zugesponnen.

Danke, Esel. Hier wollten wir hin. Das Gedächtnis von Endleben. An die Arbeit, brennen wir es ab. Ein guter Liquidator hat immer Streichhölzer dabei! 

FRAU MIT FLÜGELN: Moment! So haben wir vorhin nicht gewettet! Sie haben selbst vorgeschlagen, dass wir uns die Erinnerungen anschauen, darüber debattieren, ob sie es wert sind, erhalten zu bleiben, notfalls darum kämpfen. Und jetzt wollen Sie gleich ein großes Feuer machen? Nichts da! Stecken Sie die Zündhölzer mal schön wieder ein. Allerdings: Bei dieser Fülle an Akten, an Aufzeichnungen, sind wir Jahre damit beschäftigt, das Gedächtnis Endlebens zu durchforsten. Machen wir also Stichproben. Hier, ich ziehe mal wahllos eine Kladde aus dem Regal. Gott, ist die schmutzig Sie niest 3x. Hier, nehmen Sie, gegen Erinnerungen bin ich heute wohl allergisch

MANN OHNE GESICHT: Ach, verflucht! Warum bin ich Ihnen nur begegnet? Welchen Sinn macht das? Ich könnte ganz in Ruhe meiner Arbeit nachgehen, diesen Ort seiner endgültigen Bestimmung zuführen, ihn vernichten, wie es ihm gerecht wird, und stattdessen soll ich seinen Staub noch aufwirbeln. Das ist nicht mein Auftrag! Alles Zeugnisse von Leben, was auch nicht hätte stattfinden müssen, niemand würde es vermissen. Ich beweise es Ihnen. Ich greife blind in einen Schrank. Hier, lesen Sie, und Sie werden erschüttert sein über die Belanglosigkeiten. Iah? Was brüllt der Esel denn plötzlich? Also, was steht da?

FRAU MIT FLÜGELN: Manchmal glaube ich, wir leben in Parallelwelten, Sie und ich, Mann ohne Gesicht. Da halte ich Ihnen eine Kladde entgegen und schlage vor, eine Stichprobe zu machen, uns mal eine der vielen Erinnerungen Endlebens zu Gemüte zu führen, um dann - vielleicht! - eine Entscheidung zu treffen: vernichten oder nicht vernichten. Und was machen Sie? Sie ignorieren dieses Zeugnis in meiner Hand unachtsamerweise und ziehen gleichfalls eine Erinnerung aus dem Regal. Das nenne ich Energieverschwendung! Arbeiten Sie immer so unkoordiniert? Wenn ja, ist es ja kein Wunder - ich sage WUNDER - dass so Vieles noch Bestand hat, hier wie dort. Aber gut, ich lese, was Sie mir entgegenstrecken und gleichzeitig schauen Sie sich die Unterlage an, welche ich ihnen seit ein paar Minuten vors Gesicht halte. Ach! Sie haben ja keins! Das ist wohl des Pudels Kern! Aber hier!
Sie wedelt mit der Kladde vor seinem gesichtslosen Gesicht herum. Lesen Sie zuerst!

MANN OHNE GESICHT: Ich verstehe ja auch nicht, warum etwas noch existiert, bemühe mich wirklich, alles zu vernichten, allein schon, weil ich alles ins große Helter-Skelter führe. Na gut, schauen wir einmal, was wir hier haben. „End.Ak.-14365, Streitsache zwischen Fam. Meinhövel und Privatperson Hans L. betr. Umtausch von Ländereien sowie Behinderung von Wegen. Es wird festgestellt, dass obengenannte Familie alles dem obengenannten Anspruchsteller überschreibt mit dem Hinweis darauf, dass er sich daran verschlucken möge, wie es einem Vielfraß wie ihm recht geschehe. Zusatz: Soll er platzen an seiner Gier“. Beglaubigt das Ganze vom Dorfnotariat Brief&Siegel. Sehen Sie, das ist typisch Mensch-Existenz: Einer macht sich die Taschen voll auf Kosten des anderen, bis dieser verschwindet nimmertags und der Gefräßige wie ein Gugelhupf zusammenfällt. Was haben Sie?

FRAU MIT FLÜGELN: Das ist ja interessant! Ich habe hier eine Notiz, die auch Herrn L. betrifft. Warten Sie, ich muss mir ein bisschen Licht auf das Papier werfen, ich bin weitsichtig - in jeglicher Hinsicht, wenn ich das mal bescheiden anmerken darf. So, sehen Sie, es leuchtet aus meinen Augen, da staunen Sie, wozu wir Lichtgestalten imstande sind, bei Ihnen leuchtet sicher nichts, Ihnen quillt nur Schwärze aus dem Mund, mit Verlaub.
Aber zurück zur Sache. Hier steht etwas sehr Merkwürdiges auf der ersten Seite der Kladde, handschriftlich verfasst, kaum zu entziffern. Da steht: Verlustsache Hans L. Seit dem 29.12.1999 vermisst Herr L. folgende Dinge: Einen Wäschekorb, drei Trockenhauben, 15 weichgespülte Handtücher, diverse Bürsten, Kämme und Lockenwickler und seine Frau. Sehr seltsam...

MANN OHNE GESICHT: Eben so ist es, Sie spenden Licht und ich sauge es wieder ein. Das mit dem Datum ist interessant. Hier: „Hamburger&Söhne, Steingasse 3 bis 5, geben bekannt: Wegen unvorhersehbar eintretender Ereignisse muss der Geschäftsbetrieb eingestellt werden und verkaufen wir unsere Warenvorräte zu enorm günstigen Preisen“. Datum der Verkündung: Dezember 1999. Und hier: „Sammlungsaufruf 20.12.1999. Bitte tragen Sie alle Gegenstände, die Sie nicht mehr brauchen oder verwenden wollen, auf die Deponie Hof Unterdorf, sie schließt mit Ende des Jahres“. Lichtgesegnete, tun Sie mir doch einmal den Gefallen und schauen Sie, ob es überhaupt Dokumente für das Jahr 2000 gibt. Fragen Sie mich nicht warum, aber für das Vernichtungsprotokoll ist es wichtig zu vermerken, wann es die letzten Lebenszeichen gegeben hat.

FRAU MIT FLÜGELN: Das ist ja wirklich mysteriös!
Sie wühlt in den Akten, Papiere fallen zu Boden, ein heftiger Niesanfall setzt sie für mindestens eine Minute außer Gefecht - dann:
Kein einziges Dokument, das nach 1999 datiert ist! Als ob 2000 alles vorbei gewesen wäre. Aber kann das sein? Macht das Sinn? Wir müssen unbedingt die letzte Aufzeichnung finden, dann wissen wir vielleicht mehr. Aber suchen Sie bitte selbst in den Unterlagen, ich kraule derweil den Esel. Der steht da so deprimiert herum, mit hängendem Kopf und noch tiefer hängenden Ohren, der braucht ein bisschen Aufmunterung. Und Sie durchkämmen derweil Staub und Schmutz, das ist ja sowieso Ihr Metier.

MANN OHNE GESICHT: Gewiss, mit Staub kenne ich mich aus. Das Motto meiner Firma: „Es war mal Leben und könnte wieder welches werden, dazwischen fliegen wir von Stern zu Stern.“ Es ist herrlich hier, ich spüre die reiche Anzahl meiner Soldaten, den Hausstaubmilben, in Ihrem werten Esel sind auch welche, und Sie haben recht: Er schaut traurig aus. Warum nur, liebe Eselei, kannst du uns nicht von Endleben berichten? Übrigens: Ich habe festgestellt, dass in Ihnen kein Staub ist, wissen Sie, ich kann ihn hören, wie das Knacken auf einer Langspielplatte, bei Ihnen höre ich nichts.
Also, eine grobe Durchsicht der Akten sagt, dass es in Endleben scheinbar ab 2000 keine Regsamkeit und Bewegung mehr gegeben hat. Es muss doch irgendetwas zu finden sein, was uns Auskunft geben kann über die Ursache der Nichtswerdung. Irgendwo muss es doch Zeitungsnotizen geben.
Aha, großes Licht bitte, Madame, wenn Sie mir mal hier drauf scheinen könnten. "Explosion im Faulturm der Meierei. Eiweiße und Fette verseuchen das Grundwasser." Die Meldung ist von 99. Bemerkenswert, erklärt aber nichts. Oder hier: "Raiffeisen-Riesensparschwein gestohlen. Rettungsmillion futsch!" Seltsam, auch 99 - scheint ein verflixtes Jahr gewesen zu sein in Endleben.

FRAU MIT FLÜGELN: Iaahh? Was hast du denn, mein liebes, milbenverseuchtes Eselchen? War das Zustimmung? War das Jahr 99 verflixt, verhext? Kannst du Zeugnis ablegen über das, was damals hier in Endleben geschehen ist? Esel können ja bis zu 40 Jahre alt werden! Im Jahr 99 musst du wohl noch ein Jungspund gewesen sein. Und jetzt bist du ein alter Esel, vielleicht sogar ein weiser, wer weiß. Schauen Sie, werter Mann ohne Gesicht, das Tier entzieht sich meinen liebevoll streichelnden Astralhänden und steuert auf den Aktenschrank da in der Ecke zu - und wirbelt dabei gehörig Staub auf. Sie niest 5x.

MANN OHNE GESICHT: Bitte mehr Respekt vor Staub, ja? Ist letztendlich meine Handelsmasse und meine Konten sind Lunge und Nase. Aber davon verstehen Sie nichts, Himmelswesen. Also, was haben wir hier? Mehrere Ordner mit der Aufschrift "Karneval Ta Eschata am 31.12.1999". Gefährtin aus Licht und Wissen, was heißt Ta Eschata?

FRAU MIT FLÜGELN: Das ist Griechisch, mein lieber Gesichtsloser, und bedeutet "die letzten Dinge". Geraten die Menschen in eine Krise, können sie sich die Geschicke des Lebens nicht mehr erklären oder kommt ihnen alles sinnlos vor, denke sie gerne mal, das Jüngste Gericht stünde mit seinen Ta Eschata bevor. Dann machen sie sich auf das Schlimmste oder Schönste gefasst - je nach dem, wie sie ihren Lebensverlauf selbst bewerten. Was für eine Farce! Was für eine Hybris! Überall wollen sie dabei sein, keinen Event wollen sie sich entgehen lassen! Sogar für das Jüngste Gericht wollen sie sich noch Eintrittskarten sichern! Dabei wird es noch sehr, sehr lange auf sich warten lassen, so wurde mir glaubhaft versichert - in Menschenzeit wohlgemerkt. Nun sollte man meinen, dass ich diesem letzten Ereignis schon jetzt und immer wieder beiwohnen könnte, da Zeit für mich keine Rolle spielt. Aber weit gefehlt! Das Jüngste Gericht liegt außerhalb von Raum und Zeit und bleibt mir verwehrt, dorthin kann ich nicht einmal mit zwei intakten Flügeln segeln.
Also, wenn ich das hier richtig interpretiere, dachten wohl auch die Endlebener, ihr letztes Stündchen habe geschlagen, die Gräber würden sich öffnen und sie würden mit all ihren Toten vor den Richter gestellt. Lassen Sie mal sehen, was sie dazu aufgeschrieben haben, diese unseligen Unwissenden. Welche letzten Dinge haben sie erwartet?

MANN OHNE GESICHT: Der letzte Cha Cha Cha in Endleben, Tanz der letzten Dinge. Das ist süßer Klang in meinen Ohren. Also schauen wir einmal. (Er bläst Staub vom Ordner, nimmt ihn, öffnet ihn) Das ist das Anmeldeformular für den Umzug. Ich lese mal vor:
„Wir möchten euch herzlich zu unserem Karnevalsumzug Ta Eschata am Samstag, den 31.12.1999 zur Jahreswende einladen.“
Ein bemerkenswerter Termin für einen Umzug!
„Es werden nur Wagen zugelassen, die auch angemeldet sind.“
Sage ich doch! Ordnung muss sein, auch im Konkurs.
„Es soll ein Verantwortlicher benannt werden, der dann auch während des Festes des Abgesanges vor Ort sein muss. Der Umzug beginnt um 12 Uhr nachts am Sportplatz. Es wird gebeten, dass jeder Wagen mindestens einen Toten aus dem Jenseits vorweist, auszuweisen durch eine amtlich beglaubigte Sterbeurkunde. Zwei Ordnungskräfte zur Begleitung rechts und links der Todesfahrt. Dämonenbeschallung ab 95 dB, Wurfgeschosse, insbesondere die apokalyptischen Bonbons müssen gemeldet werden.“ 
Ich staune, ein wirklich gut organisiertes Requiem. Und hier sind die Anmeldungen!

FRAU MIT FLÜGELN: Das klingt in meinen Ohren, als seien die Endlebener verrückt geworden! Haben sie sich so sehr vor der Jahrtausendwende gefürchtet? Dachten sie, die Apokalypse stünde bevor, wollten sie ihren finalen Abgang in Bausch und Bogen, mit Pomp und Gloria zelebrieren?
Wer hat diesen Aufruf zum letzten Zapfenstreich denn gestartet? Zeigen Sie mal her! Und welche Namen stehen auf der Anmeldeliste?

MANN OHNE GESICHT: Pomp und Zerfall, das ist herrlich dekadent! Also, was lesen wir hier? Na klar, Arche Noah, mit Noah als Rufer über die Meere und mit dem Banner am Bug. "Fast.Furios.ArcheNoah“. Anmelder: Heinz E., Bürgermeister, mit Lautsprecheranlage und genehmigter Parole: "Auf dem letzten Bein sind alle Menschen gleich".
Das hier ist auch interessant: Ein riesengroßer Hotdog vom Restaurantbetrieb Mahlzeit + Endscheid - „Nichtsdestotrotz ein Dessert zum Schafott!" ist das Motto, begleitet als Fußgruppe vom Verein der dekadenten Hedonisten, die sogenannte "Endstation Wurst". Oder die hier, die finde ich auch gut: Eine große Clownspuppe, die aus einer Kiste springt - Titel des Wagens: „Jack in the box -  apokalyptisch orthodox", angemeldet von Hans L. dem hiesigen Frisör. Vorhaben: letzte Witze erzählen, beispielsweise: „Ich habe bei Gott angerufen wegen letzter Bestellung, aber es ging kein Schwein dran“ oder: „Ich habe mit der Pflanze ausgemacht, sie nur noch einmal zu gießen. Sie ist darauf eingegangen“ oder den hier: „Was kommt zum Schluss und will nur fort? Der Schlussakkord!

FRAU MIT FLÜGELN: Stopp! Diese ach so witzigen Frisör-Witzchen müssen Sie mir nicht alle vorlesen, das ist doch der totale Nonsens. Ich gebe zu: Bei dem mit der Blume konnte ich mir ein zartes Lächeln kaum verkneifen, aber das mit dem Schlussakkord habe ich nicht mal verstanden...
Sei’s drum! Schauen Sie mal, ich habe auch etwas gefunden, eine Art Flugblatt ist das. Ich puste den Staub mal vom Papier. Sie niest wieder. Hier steht: "Aufruf zum Boykott! Nieder mit dem Ta Eschata-Umzug! Gegendemo "Vivat Anima" geplant! Wer noch Hoffnung hat, melde sich bitte bei.... hmm, das kann ich jetzt leider nicht mehr lesen, da hat sich wohl der Schimmel an dem Namen des Unterzeichners gütig getan oder ein Wurm hat ihn verspeist. Schade. Gerne hätte ich gewusst, welch subversive Kräfte sich gegen die Auflösung stemmen wollten. 

MANN OHNE GESICHT: Die Unterwanderung des Weltunterganges mit Schild und Parole, sehr interessant. Und herrlich absurd. Ebenso absurd wäre es gewesen, kurz vor dem Zusammenprall mit dem Eisberg auf der Titanic gesagt zu haben: "Auf Wiedersehen, ich tauche ab, ich gehe schwimmen!" Ist ja das sehr Bedauerliche am Menschsein, dass es fortwährend heißt: Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Da kommen die nicht raus aus diesem Dilemma. Wichtige Frage: Konnte diese Demonstration denn stattfinden? Ist sie genehmigt worden?

FRAU MIT FLÜGELN: Es liegt wohl in der Natur der Sache, Mann ohne Gesicht, dass wir in diesen Fragen nicht einer Meinung sein können. Natürlich kann man auch im Eismeer schwimmen gehen! So lange es eben geht, halten sich die Menschen über Wasser - Hoffnung nennt man das gemein hin. Und die, wenn ich diese Plattitüde mal in den Mund nehmen darf, stirbt zuletzt. Kein Wunder also, dass die Endlebener sich gegen den Untergang gesträubt haben! Zumindest ein Teil von ihnen, denn auch diese kleine Gesellschaft war bereits gespalten, wir kennen das ja: die einen so, die anderen so – und die andere Seite wird jeweils verdammt in alle Ewigkeit. Schöne neue Welt. Damals schon. Aber dieser Gegenumzug ist meinem Empfinden nach eine wahre Wonne! Zeigt er doch, das einige der Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner Lebenswillen besaßen, dass sie es nicht hinnehmen wollten, dass ihr Zuhause dem Untergang geweiht sein sollte, dass sie gekämpft haben gegen das Verschwinden. Warten Sie mal... nein, eine Genehmigung der Gegendemonstration kann ich hier nicht finden. Wer hätte die denn überhaupt ausstellen sollen? Und wer, das ist auch noch nicht geklärt, hat den Ta Eschata-Karnevalsumzug mitten im tiefsten Dezember 1999 genehmigt? Haben Sie da eine Unterschrift für mich?
 
MANN OHNE GESICHT: Naja, wenn ich das richtig entziffern kann, dann sind hier zwei Unterschriften. Der Ta-Eschata-Umzug von, Moment mal, Heinz E., Bürgermeister seines Zeichens, und… Vivat Anima? Ich kann es kaum lesen, ein Frauenname vielleicht, Cordula B.? Hier steht: Versammlungsleiterin ist Cordula B., Anmelderin des Vereins zur guten Hoffnung und allgegenwärtigen Sextase, Thema der Versammlung: Hoffnung und Hingabe in Zeiten des Verderbens - Angabe zu den Mitteln: ein Lautsprecherkonzert mit dem Titel: Kehr wieder, Dionysus. Erlösung, rufen wir. Erlöse uns vom Kreuz und Marterpfahl. Tritt aus dem Walde. Finde uns bereit. Wir wollen dir wieder Tempel bauen, Herr. Wir wollen Feuer an die Kirchen legen. Vergessen sei des Lebens Traurigkeit. Und hier steht auch, was das Ziel der Demonstration war: unbekleidet im Kirchenraum vor dem Altar zusammenzukommen. Vivat Anima war anscheinend ganz unerschrocken. 

FRAU MIT FLÜGELN: Unerschrocken? Ha! Die müssen wirklich am Ende gewesen sein mit ihrem Latein, diese armen Endlebener. Sich trotzig die Kleider vom Leib zu reißen, das nenne ich infantil-provokant. Und dann auch noch in der Kirche, diesem heiligen Ort, an dem wir vorhin die Zeitkapsel öffneten. Blasphemie! Aber auch interessant… waren Pussy Riot doch lediglich ein Abklatsch vom Endlebener Vivat Anima! Mich wundert allerdings, dass in unserem elenden Dorfe hier dieser schwermütig-religiöse Text von Georg Heym gesungen wurde. Womöglich haben die aufständischen Nackten sogar danach getanzt.... Eine Heym-Orgie vielleicht sogar! Oh, oh, da werden meine Flügelspitzen ganz rot vor Scham. Ich muss mich gedanklich schnell mit etwas anderem beschäftigen. Haben Sie eine Idee, was das sein könnte, mein lieber Gesichtsloser?

MANN OHNE GESICHT: Interessant Ihre Schamesröte, ich kenne die Scham nur als etwas, worauf die Menschen ständig hinweisen, wenn ein Verbot ausgesprochen wird, so eine gesetzliche Vorinstanz oder ein inneres Schiedsgericht. Werden die Menschen rot, sitzen sie auf irgendeiner Anklagebank. Langsam kommen mir doch Zweifel, dass Sie ein Engel sind, Engel fühlen keine Scham, denn im Himmel gibt es keine Verbote. So dachte ich bislang. Aber ich als Außenstehender kann bei Schamesröte nur folgendes empfehlen: Geben Sie sich doch gedanklich ganz und gar dem hin, was das Verbot ihnen ausreden will. Eine Orgie in der Kirche mit Striptease auf dem Altar. Was glauben Sie? Ist das ein Akt der Vernichtung oder der letzte Rest von wilder Lebenslust? 

FRAU MIT FLÜGELN: Also ich bitte Sie! Ich lege Gewand und Flügel niemals ab! Und auf diesen unsittlichen Vorschlag werde ich sowieso nicht näher eingehen, den ignoriere ich komplett. 
Was die armen Endlebener betrifft, tippe ich auf wilde Lebenslust, die ja bekanntlich um so wilder wird, je mehr das Ende zu erahnen ist. Kündigt sich den Menschen, egal ob in Endleben oder sonst wo auf der Welt, eine Katastrophe an, grassieren Pest und Cholera, droht ihnen ein Himmelsstern auf den Kopf zu fallen, ja, dann wird getanzt, gelacht, gesungen und geliebt, was das Zeug hält. Ist ja auch nachzuvollziehen: Im Zeitraffer muss noch alles erlebt werden, was bis dahin versäumt wurde. Und das ist in den meisten Fällen sehr, sehr viel. Die armen Unwissenden leben doch, als gäbe es kein Morgen, als würde der Tod für immer einen Bogen um sie machen. Aber was nur, Mann ohne Gesicht, stand den Endlebener bevor, dass sie derart aus dem Häuschen gerieten, den Altar stürmen und alle Masken und Hüllen fallen lassen wollten? Kommen Sie, suchen wir weiter in den alten Dokumenten nach Antworten.

5. Szene 


Der Esel schreit

FRAU MIT FLÜGELN. Ach, du liebes Grautier, dich hatte ich ja im Eifer der staublastigen Suche nach Endlebener Erkenntnissen ganz vergessen! Schauen Sie, Gesichtsloser, unter dem Esel liegen plötzlich mehrere Goldmünzen. Was hat er gegessen, verdaut und dann in dieser glänzend-kostbaren Form wieder ausgeschieden? Sagen Sie, weint das Tier etwa?

MANN OHNE GESICHT: bückt sich und hebt die Münzen auf, betrachtet sie.
Gold?
Die Münzen zerbröseln.
Trockener Eselmist! Schau mir in die Augen, Esel. Kann man dich mit allem Heiligen füttern und du kackst dann Dünger? Bricklebrit! Du scheinst mir ein rechter Verdauungsapparat zu sein, der die Phantasien des „Tischlein, deck dich“ und des „Knüppel, aus dem Sack“ null und nichtig macht. Kommen Sie, werte, hochgeschätzte Frau mit eineinhalb Flügeln, was glauben Sie, was der Esel wohl so alles fressen mag?

FRAU MIT FLÜGELN: Nun bewahrheitet sich doch tatsächlich der Spruch, den Pessimisten rund um diese seltsame Welt allzeit auf den Lippen haben: Es ist nicht alles Gold, was glänzt! Dung! Wie profan! Daher hat das arme Tier wohl ein paar Tränen vergossen: Wieder haben seine alchimistischen Bemühungen nicht gefruchtet, wieder hat ihm die eigene Verdauung einen Strich durch die Rechnung gemacht. Woraus er in Magen und Darm Gold machen wollte? Ich weiß es nicht, Mann ohne Gesicht. Aber schauen Sie, hängt ihm da nicht noch ein Fetzen Papier aus dem zitternden Maul? Ziehen Sie es heraus, bevor er sich das letzten Schnipselchen auch noch einverleibt! Vielleicht ist es der Rest einer wichtigen Botschaft, die er sich zu Gemüte geführt hat. Oder gar eine Erkenntnis?

MANN OHNE GESICHT: Na, zeig mal her, Esel, auf was kaust du da herum?
Ich lese mal vor, aber Vorsicht, ist so ein Verwaltungsdeutsch, typisch für diese Gattung Tier: Am formvollendetsten drücken sie sich aus, wenn die Tage gezählt sind. Also: „Verwaltungsvorschrift des Ministeriums für Ländliche Lebensweisen zur Abwicklung von nicht mehr erhaltenswerter Dorfstrukturen, vom 9. Juli 1999, Aktenzeichen BlaBlaBla. Ziel des Programms ist die nachhaltige Ausführung aller finalen Maßnahmen bis zur Unkenntlichmachung. Dabei gilt es, jegliche Transformation in den Zustand von krank, kaputt, veraltet und verfallen zu unterstützen, Abwanderung zu bewirken und die Wirtschaftsstruktur soweit zu brechen, dass nicht einmal mehr die Oma noch Lust hat an ihrem Geburtsort zu bleiben.“ 
Na, das will mich doch etwas empören, die haben meinen Job erledigen wollen!

FRAU MIT FLÜGELN: Heiliger Bimbam! Diese Bürokratensprache lasse ich komplett durch mich hindurchrauschen. Poesie - das ist meine Welt! Ich muss aber leider feststellen, dass Sie in unserer kleinen Endleben-Challenge bisher mehr Punkte haben sammeln können als ich. Erinnerungen wollten wir suchen, die es wert sind, bewahrt zu werden, aber in diesem unseligen Archiv hier und selbst im Maul des Esels haben wir bis jetzt nur Hinweise auf den Untergang gefunden, wie auch immer er gestaltet und begangen werden sollte, ob programmatisch, verkleidet oder nackt. Ich gehe mittlerweile davon aus, dass die Akten von vor 1999 vernichtet wurden. Das kennt man doch: Hinweise verschwinden, plötzlich will keiner etwas gewusst, will keiner es gewesen sein. Aber ich werde nicht aufgeben! Es muss doch auch einmal ein friedliches Dorfleben gegeben haben, ein glückliches Miteinander oder zumindest ein einigermaßen zufriedenes. Da sollte es doch mit dem Teufel zugehen - sie bekreuzigt sich schnell 3x - wenn in diese Richtung nichts zu finden sein sollte.
Hier in der Ecke steht noch eine Kiste, die wir bislang außer Acht gelassen haben. Schauen Sie, darin sind etliche alte Dokumenten, Briefe auch, wenn ich mich nicht täusche. Darin erhoffe ich mir, gute Erinnerungen zu finden, um mit Ihnen, werter Mann ohne Gesicht, gleichziehen zu können. Sehen Sie, das Eselchen steuert auch schon auf die Kiste zu - ein Zeichen!

MANN OHNE GESICHT: Ihre Hoffnung amüsiert mich. Woher kommt nur diese Haltung? Mir erscheint das verrückt, bei all dem Wissen von der Fatalität des Menschlichen, bei allen Erfahrungen vergeblicher Mühen, bei der sicheren Erkenntnis, dass alles, letztlich alles! auf meinem Tisch landet, immer noch zu glauben, ein Funke Hoffnung glimme immer. Aber wissen Sie, wie fatal die Hoffnung ist? Früher war es Tradition, zu Ostern kunstvoll Holz zu schichten zu einem Turm, der dann schließlich durch eine winzige Flamme Feuer fangen sollte. Ebenso Tradition war es, dass Burschen aus dem Nachbardorf bemüht waren, deinen Turm vor dir in Brand zu setzen, und du hattest dasselbe Ansinnen. Und genau so ist es mit der Hoffnung: Wenn etwas aufglimmt, dann warst du es nicht selbst, der es gezündet hat. Monatelang wurde Holz geschichtet, damit es in wenigen Minuten abfackelt. So kurz pflegt die Hoffnung zu sein.  So jetzt lassen Sie doch mal sehen, was sich Freudvolles in der Kiste befindet.

FRAU MIT FLÜGELN: Auch nach diesen Ihren Ausführungen plädiere ich für das Prinzip Hoffnung - mehr denn je, um genau zu sein. Selbst auf dem Endlebener Kirchhof mit seinen ungepflegten Gräbern würde ich noch ein Apfelbäumchen pflanzen, wenn ich wüsste, dass morgen tatsächlich alles vorbei wäre und nicht nur dieses Dorf hier, sondern die komplette Welt in Trümmern läge. Wenn ich wüsste... dieser Satz ist schon falsch, denn: Man weiß ja nie! Immer noch kann es jemanden geben, der oder die das Ruder herumreißt, kann eine anscheinend alles vernichtende Feuersbrunst von Starkregen-Schauern gelöscht werden, kann der Meteorit, der auf die Erde zurast, seine Flugbahn ändern oder dem Atombombenzünder ein Dachziegel auf den Kopf fallen. Erst wenn alles, wirklich alles! vernichtet ist, wenn kein Atom mehr existiert, glaube ich an den endgültigen Untergang. Amen.
Halt, Esel! Nicht aus der Kiste fressen. Ist das Tier störrisch! Weg da! Sie schiebt den Esel beiseite.
So, also, was haben wir denn da Feines in der Kiste? Wusste ich es doch: Es gab auch Gutes in diesem Dörfchen. Hier, eine Postkarte aus dem Jahr 1993 an Siegrid und Manfred S. Da steht: „Halo Mamma, Halo Pappa. Wie get es euch? Uns get es gut. Hier ist es volltoll. Vile Grühse, Mia und Lia." Sehen Sie! Zwar voller Rechtschreibfehler aber ein durchaus positiver Text. Und schauen Sie nur, was für eine hübsche Karte die beiden ausgesucht haben: Zwei Flamingos, deren Hälse ein Herz bilden.
Und was haben Sie da mit spitzen Fingern aus der Kiste gezogen? Sie sehen wohl schon ihre unseligen Felle davon schwimmen, Mann ohne Gesicht.

MANN OHNE GESICHT: Eine gänzlich schwarze Postkarte ohne Absender. Wissen Sie, was ich glaube? Das muss die letzte Post an Endleben sein. Sie wurde wohl nicht mehr zugestellt, oder es gab keine Empfänger mehr. Ich lese hier aber einen Namen - Hans L., wenn ich das richtig entziffere. Drunter steht: „Dem Frisör des Ortes“. Einen Text kann ich auch noch lesen: „Komm zu mir, verlasse diesen Ort, der dich nur hinabzieht in die Apathie, hier, wo ich bin, da mag die Zeit schnell vergehen, kein Dahinsiechen, dafür mit Angst und Lust. Wähle!“ Es scheint eine Frauenhandschrift zu sein, aber eine sehr kapriziöse! 

FRAU MIT FLÜGELN: Sie irren, mein lieber Gesichtsloser - wo irren doch bekanntlich menschlich ist und Ihnen nun wirklich jeglich Menschliches abgeht. Die Karten können nicht alle aus dem letzten Jahr vor dem Verschwinden der Endlebener in die Post gegangen sein. Das hübsche Kärtchen von Lia und Mia, wer auch immer die beiden gewesen sein mögen, stammt ja, wie gesagt, aus dem Jahr 1993. Wissen Sie, was ich vermute: Der Postbote hat im Laufe der Jahre, die er für Endleben zuständig war, einfach immer wieder Post zurückgehalten, nicht zugestellt. Möglicherweise auch wichtige Briefe, Rechnungen, Benachrichtigungen über einen Lottogewinn, wer weiß... Aus Faulheit? Aus Gemeinheit? Einem heimlichen Machtgefühl heraus? Ach, die Seelen der Menschen sind doch unergründlich. Und in dieser Beziehung ähneln Sie Homo Sapiens dann doch, mein Lieber. Falls Sie überhaupt eine Seele besitzen, was noch zu ergründen wäre.
Aber sehen Sie, hier ist noch eine Postkarte. Die stammt aus dem Jahr 1990. Ein - sie räuspert sich verlegen - Gesäß ist darauf abgebildet mit angeklebten Ohren. Und auf der Rückseite stehen nur zwei Wörter: „Verdammter Wendehals!“ Mit Ausrufezeichen. Keine Unterschrift. Adressiert ist die Beleidigung an einen gewissen Detlef T., der sie aber anscheinend auch nie bekommen hat. Haben Sie auch noch etwas Interessantes aus der Kiste ziehen können?

MANN OHNE GESICHT: Hier ist sogar ein ganzes Gedicht!

Du bist verlorengegangen. Wo finde ich dich?
Zertrümmert gar oder in die Weite hinausgeblasen?
vielleicht lag es dran, dass niemand dir so sehr glich,
und weils diesen nicht gab, spannte sich auch kein Amorbogen.

Bist du geflohen aus den Tagen ohne Morgen?
Nicht mehr da, weil unterwegs sein ein Verschwinden ist?
Einmal nur hinausgetreten und du kannst nicht verbergen,
dass mehr du nicht bist, als das, was man in den Wind nur pisst.

Absender: Britta M., Am Roggen 23, Empfänger: Britta M., Am Roggen 23. Da vertraute jemand mehr dem Postboten, als seinen Selbstgesprächen, worin sie sich aber täuschte. Was mag mit ihr passiert sein, so ohne letzte Nachricht? Sucht sie noch oder flieht sie schon?

FRAU MIT FLÜGELN: Ach, Lyrik! Wo gedichtet wird, besteht noch Hoffnung. Der Text endet allerdings ein wenig obszön, muss ich anmerken, das ist nicht so mein Geschmack. Aber ich weiß, dass die gute Britta damit in mittelalterlicher Tradition steht, denn bereits damals wurde ja schon deftig gedichtet - ich erinnere nur an François Villon, mit dem sich diese Autorin natürlich nicht messen kann, zu ungelenk klingen ihre Verse. Dass sie die Strophen an sich selbst schickt, also, wie Sie meinen, ein lyrisches Selbstgespräch führt, zeugt in meinen Augen von großer Einsamkeit. Oh, oh, die arme, arme Britta, ich könnte sie beweinen, die Verlorengegangene, hätte ich die mir an einem Tag zustehende Menge an Tränenflüssigkeit heute nicht schon vergossen. Von wann ist diese Postkarte denn, gibt es ein Datum, einen Poststempel?

MANN OHNE GESICHT: Genau, schlau mitgedacht! Wenn dies die Post ist, die schon zur Abholung bereit lag, aber nie zugestellt wurde, dann ist das der Hinweis darauf, ab wann niemand mehr im Dorf war. Ich lese: Abgeschickt am 29.12. und abgestempelt am 30.12.99. Danach gab es niemanden mehr, der die Post hätte abholen oder empfangen können. Selbst die Britta M. scheint nicht gewusst zu haben, dass die Empfängerin verzogen sein wird. Wie man sich so täuschen kann!

FRAU MIT FLÜGELN: Wie traurig! Da schreibt man an sich selbst, denkt, dass man diese Post auch erhalten wird, freut sich gar darauf, denn man weiß ja, dass man sich geschrieben hat und was man sich geschrieben hat, und dann ist man einfach nicht mehr da, um das Brieflein in Empfang zu nehmen. Wüsste ich doch nur, wohin die gute Britta entschwunden ist, ich würde ihr die Post nachsenden. Auch diesem gewissen Detlef T. könnte man das - sie räuspert sich - Gesäß mit Ohren hinterherschicken, wüsste man, wo der Mann abgeblieben ist, dann käme zumindest diese letzte Beleidigung - Verdammter Wendehals! - noch an den Adressaten.
Ich resümiere mal: Das Gedicht zählt positiv, den Wendehals können Sie für sich verbuchen, das liebe Kärtchen von Lia und Mia wieder positiv und die von Frauenhand geschriebene Karte an den Frisör 50:50. Einspruch oder gebongt?

MANN OHNE GESICHT: Dass wir einen Wettbewerb am Laufen haben, gefällt mir. Ich bin ja nicht nur ein staubtrockener Konkursabwickler: Wo ist das zu bilanzierende Vermögen? Was liste ich auf als Schuld gegenüber dem Nichts? - aber für ein Spiel bin ich immer zu haben, lenkt mich ab von meinem üblen Dasein als Ende-Verwalter und Nichts-Vollstrecker. Wissen Sie wie wir das Spiel nennen? „Sein oder Nichts!“ Und eines sollte klar sein: Man muss das Nichts überspringen, um ins Sein zu gelangen, und vom Sein wieder zurück nach Endleben, wobei wiederum das Nichts nicht zu berühren wäre, denn landen wir im Nichts, gibt es kein Zurück, ein schwarzes Loch, auch ich kenne es nicht.
Er dreht sich um, schaut in die Augen des Esels.
Na, mein billiger Esel, was soll deine Rolle sein bei diesem Spiel?  Ich vermute mal, dass du ein echtes Blendwerk bist, Gold versprechen und Dung scheißen! Bist du etwa der Stein im Hüpfspiel? Wohin fällt dein Blick? - Da steht "Vereinschronik". Ich mache mal die Schublade auf. Mehrere Ordner und hier, was steht da denn? „Letztes Sahnetörtchen, Verein zur geregelten Liquidation der eigenen Person!“ Das ist interessant, jetzt wird’s schwierig für die Frau mit eineinhalb Flügeln, Punkte zu machen! Hier die Satzung!

FRAU MIT FLÜGELN: Das Letzte Sahnetörtchen interessiert mich! Warum nur nennt ein Verein sich so? Wollten die Mitglieder vor dem Finale noch mal richtig schlemmen, völlen, sich mit Zucker mästen? Wenn ja, wäre ich gerne dabei gewesen. Sie werden es wahrscheinlich nicht glauben, Sie, ohne Gesicht und somit ohne Geschmacks- und Geruchssinn, aber ich liebe Torten und Törtchen, Gebäck und Schokolade! Nicht, dass ich diese Süßigkeiten vertilgen würde, das kann ich nicht, so ohne festen Körper, kann also auch nichts über die Konsistenz von Sahne und Kuchen sagen. Doch ich partizipiere an dem Geruch! Darin kann ich schwelgen! Also zeigen Sie mal her, was Sie da von dem Tortenverein in ihren spitzen Fingern haben.

MANN OHNE GESICHT: Wie kann man nur Torten lieben, ohne sie schmecken zu können! Sie sind doch wirklich ein Fabelwesen. Also hier die Satzung: Der Name des Vereins wie genannt, Sitz ist Endleben, Gegenstand des Vereins ist eine gemeinsame Förderung der Kultur des gehobenen Selbstmordes. Die Tätigkeit beschränkt sich allein auf die Mitglieder aus dem Dorf Endleben, der Wirkungszeitraum endet mit dem Ableben des letzten Mitgliedes, es gibt eine Generalversammlung, die über Mitgliedschaft und die Reihenfolge der Selbstliquidierungen entscheidet, Vorstandsmitglied ist gleichzeitig das letzte Mitglied, welches sich liquidieren darf. Ach, und das ist auch sehr interessant: Kündigungsfrist ist bis zum Ende des Geschäftsjahres. Man durfte als auch wieder heraustreten aus der Vernichtung, wenn auch, wie ich hier lese, unter der Auflage, dass man den Rücktritt mit einer Unabkömmligkeit für das Leben stichhaltig begründen konnte. Was sie damit wohl meinten? Irgendwas wie: Ich bitte mich zu entschuldigen, habe gerade keine Zeit, mich zu töten? Terminnot? 

FRAU MIT FLÜGELN: Fabelwesen, nun ja... das lasse ich jetzt einfach mal so stehen, wie so Vieles schon vorab. Aber ich frage Sie, lieber Konkursabwickler ohne Gesicht: Was bitte schön hat all das Sich-selbst-Morden, Sich-selbst-Liquidieren bloß mit Sahnetörtchen zu tun? Galgenhumor? Henkersmahlzeit? Helfen Sie mir auf die Sprünge.

MANN OHNE GESICHT: Sahnetörtchen? Das ist doch plausibel, zumindest, wenn man unterstellt, dass das Ende nicht eine grauenhafte Angelegenheit ist, sondern vielmehr eine, die heiter stimmen kann, so heiter vielleicht, dass man sich dazu am liebsten ein Stück geschlagene Milch mit Schokoraspeln und Mandarinen gönnen möchte, einfach zur edlen Verzierung eines glücklichen Augenblickes, der das Ende ja sein könnte. 

FRAU MIT FLÜGELN: Sterben! - aber bitte mit Sahne! Ob wirklich alle Endlebener so weit waren, den Übergang zu feiern, wage ich zu bezweifeln. Wer war denn federführend in dem Verein tätig? Gab es mehr als ein Mitglied? Gab es Rücktritte. Lassen Sie hören.

MANN OHNE GESICHT: Also ich bin, zumindest für meine Verhältnisse, außerordentlich berührt von dem Gedanken, dass die Antwort der Endlebener auf die Frage: Was spielen, wenn man sowieso nur verlieren wird?, ist: Das Spiel läuft solange, wie ich es will. Nennt man so etwas nicht Autonomie? Die letzte Präsidentschaft übernahm eine Dr. Walburga R., die Leiterin einer Nervenheilanstalt am Ort. Wie praktisch! 

FRAU MIT FLÜGELN: Hier in Endleben gab es also eine Nervenheilanstalt! Das erklärt so manches. Oder auch nicht. Und die Leiterin derselben empfiehlt ihren Klientinnen und allen, die es mal waren oder immer schon mal werden wollten, sich mit dem letzten Sahnetörtchen das Leben zu nehmen? Das ist doch vollkommen verrückt.
Wissen Sie was, diese Anstalt - oder sagen wir politisch korrekt lieber Klinik oder von mir aus auch Sanatorium - würde ich mir gerne einmal anschauen - bzw. das, was noch davon übrig ist. Vielleicht finden wir dort weitere Hinweise darauf, was hier im Dorf geschehen ist. Und natürlich mache ich mir Hoffnung auf saftige Erinnerungen, die es schon damals zu erhalten galt und die auch jetzt, in unserem kleinen Spiel, für mich von Belang sein könnten - ist ein Sanatorium doch ein Ort, an dem Heilung im Mittelpunkt steht.
Gesichtsloser, sind sie bereit, mich dorthin zu begleiten oder möchten Sie noch bis in alle Ewigkeit in diesen staubigen Unterlagen wühlen?
 
Mann ohne Gesichts: Da trifft es sich doch, dass meine nicht vorhandenen Augen so etwas wie einen Dorfplan erblicken, da hinten an der Wand. Und tatsächlich da findet sich die Eintragung: „NARRENTURM. Anstalt für Allgemeinpsychiatrie und spezielle Endzeittherapie“. Letzteres ist bemerkenswert, muss ein regional auftretendes Krankheitsbild sein. Sehen Sie, eine Abbildung. Das Gebäude sieht wirklich wie ein Turm aus, ein Rundbau, gar nicht klein. Ich frage Sie, sind Sie wirklich sicher, dass Sie sich dort nicht ein wenig unwohl fühlen dürften, ein etwas schauriger Ort, soweit ich das nachvollziehen kann, ohne es zu empfinden. Schaurigkeit ist für mich ein reines Abstraktum. Wie geht es Ihrem Flügel? Nur zu gern würde ich einmal mit Ihnen durch die Lüfte schweben.

FRAU MIT FLÜGELN: Ach, ach, es will einfach nicht weiterwachsen, das Flügelchen. Ich befürchte Schlimmes: Eventuell muss ich bis ans Ende meiner Tage mit eineinhalb Flügeln vorliebnehmen. Warten Sie, ich versuche mal, damit abzuheben. 
Es geht! Schauen Sie! Ich fliege!
Nein, nein, Esel, du kannst es mir nicht gleich tun, bleib du mal schön auf den Hufen. Und Sie, mein Lieber, müssen leider auch auf dem Boden der Tatsachen bleiben, Sie sind zu schwer für mein ramponiertes Fluggeschirr. Gehen wir also weiterhin auf zwei Beinen, so wie es die Menschen ja auch schon seit langem tun, besuchen wir den vermeintlich schaurigen Ort, den sogenannten Narrenturm. Furcht wird er mir keine einflößen, und gegen Unwohlsein bin auch ich gefeit, solch negative Empfindungen sind mir fremd, ich fühle nur positiv. Kommen Sie, worauf warten Sie noch. Ach, das Eselchen ist schon vorausgetrabt. Hinterher!

6. Szene 

Es ist kalt und dunkel im Narrenturm. Moderne Gerätschaften in burgähnlichen verliesartigen Gängen.

MANN OHNE GESICHT: Kommen Sie, werte Frau mit eineinhalb Flügeln, hier ist ein Saal, gehen wir hinein. Ach, schauen Sie, überall Röntgenbilder an der Wand. Interessant, zu jedem Bild auch Kennzeichnungen und Diagnosen. Aber nicht zufällig, sie scheinen gesammelt und geordnet. Ich hab's, ein Schulraum! Diese Röntgenbilder dienten der Unterweisung und stellen Kategorien dar.

FRAU MIT FLÜGELN: Jetzt grusele ich mich doch ein wenig, Wertester, ich bin ja nicht aus Granit, so wie Sie - metaphorisch betrachtet natürlich, Sie bestehen ja aus keiner weltlichen Materie, nicht mal aus einer Gesteinsart, geschweige denn aus lebendiger Substanz.
Da, ein Kieferknochen, und dort, das Knochen-Bild eines menschlichen Beckens. Sie tippen auf einen Schulraum? Aber wurden in diesem Sanatorium nicht Seelen geheilt, Psychen gesalbt? Warum in wessen Namen auch immer sollte man dann die Körper der armen Kranken bis aufs Skelett durchleuchten?

MANN OHNE GESICHT: Aus letzten Atemzügen bin ich zusammengewachsen, aus dem Hauch kurz vor Sendeschluss, wertes Wesen der Lüfte.
Ja, hier sind einige Knochenabbildungen, aber die sind unsortiert. Aber schauen sie auf die Gehirnscans hier und die Markierungen und Beschriftungen, Schnappschüsse der Endzeit sozusagen, sie sind systematisch gekennzeichnet. Bemerkenswert, dass sie noch hier hängen!
Ich lese mal eine vor: Jürgen Schallrauch, 69 Jahre, Epilepzis Spirituale, schweres Wuchern des Machtzentrums am umherschweifenden Nerv, laut Arztbrief ein demagogischer Eiferer, Erlöserpose.

FRAU MIT FLÜGELN: Und was, bitte schön, soll das jetzt heißen?

MANN OHNE GESICHT: Zumindest, dass die Endlebener ihren ganz eigenen Dachschaden hatten. Epilepzis Spirituale! Klingt interessant, habe ich aber noch nie gehört. Und was sieht man? Nervengewebe diffus wie Wolken und der Sehnerv wie schreckhaft vergrößert. Die Aufnahme daneben ist auch bemerkenswert, der zerrissene Hirnstamm mit seinen losen Nervenfasern, Morbus Stamme Nimmsein, wie ich lese, sichtbarer Befund: Will dir während der Sitzung seine Worte verkaufen, Zitat: Wollen sie nicht? Dann spreche ich nur noch mit dem Höchstbietenden! Man staunt über die Endlebener. Können Sie das erklären? Mir scheint, dass diese Leute nicht mehr viel zu verlieren hatten.

FRAU MIT FLÜGELEN: Heiliger Strohsack! Die waren ja total durchgedreht - im wahrsten Sinne des Wortes durch-ge-dreht, denn, schauen Sie, hier wurde ein Gehirn mit einem Wirbel gescannt, ein regelrechter Strudel ist das, der die Gehirnzellen nach unten zu ziehen scheint und aus den Ohren heraus.  Warten Sie, da steht etwas, ich kann es leider kaum entziffern, Turbo Beatitudo oder so ähnlich, in Schräglage, Neigung 30° - Ha! Ein Glückswirbel! - wenn ich das mal so frei übersetzen darf. Ein weiterer Punkt also für mich! - in den Gehirnen der Endlebener staute sich das Glück, wie wunderbar. Zumindest bei denen, die hier in Behandlung waren. Möglich natürlich, dass man ihnen in dieser sogenannten Heilanstalt das Glücklichsein wieder austreiben wollte. Mit Pro-Depressiva vielleicht.…

MANN OHNE GESICHT: Interessante Erklärung, doch wenn ich dem hinzufügen darf: Von welcher Art Glückswirbel sprechen wir? Den, der zuckt, wenn der Anfang Erwartungsvolles verspricht oder den, wenn die Sicht auf das Ende Erleichterung sendet. Wie ich es hier beispielsweise zu sehen glaube: Melanie Schlussstrich, 17 Jahre, ein sichtbarer Defekt in allen Bereich durch Dopaminübersteuerung, Diagnose: Fortuna Ante Mortem. Die Patientin ist am 3. September 1998 gestorben - durch Suizid. Mit heiterer Wucht hinab in die dunkle Schlucht, sage ich dazu. Hier ein Hinweis zu einem Arztbrief, demzufolge vor einer virulenten Ausbreitung zu warnen ist.

FRAU MIT FLÜGELN: Ehrlich gesagt, Verehrtester, traue ich den angeblichen Ärzten und Thearapeutinnen dieser seltsamen Heilanstalt nicht über den Weg! Was, wenn hier einfach wild und wahllos an den Kranken herumexperimentiert wurde? Fortuna Ante Mortem - dass ich nicht lache! Vielleicht litt diese arme Melanie ja an schweren Depressionen und anstatt ihre Krankheit adäquat zu behandeln, hat man ihr einfach Erlösung durch den Tod versprochen. Und hier habe ich auch einen möglichen Beweis für meine These: Das Glücksversprechen war alles, was man Melanie noch anbieten konnte, denn die Krankenkassen hatten ihre Zahlungen für die Behandlung der Patienten des Narrenturms längst eingestellt. Schauen Sie, hier, ein Schreiben der Krankenkassenvereinigung von 1997. Keine Zahlungen mehr! Ergo hatte das Mädchen keine andere Wahl, als sich auf den nahen Tod zu freuen.  Hätte man ihr wirksame Medikamente gegeben und eine Therapie angeboten, wäre sie vielleicht heute noch am Leben. Ein Skandal ist das, wenn Sie mich fragen. Und hier, das ist ja wohl der Gipfel: Bei dem guten Manfred K. hat man sogar zu erwartendes Fortuna Post Mortem diagnostiziert. Zu erwartendes! Wie, bitte schön, hätte das jemals überprüft werden können? Ich sage Ihnen was: Die wollten ihre Patienten einfach nur los werden!

MANN OHNE GESICHT: Habe ich Ihnen eigentlich schon meinen Verdacht mitgeteilt, dass Sie ein etwas strenges Verhältnis zum Begriff des Lebens haben? Mir scheint, Sie versprechen sich viel vom Leben, manchmal denke ich, das Leben ist Ihnen wichtiger als die Wahrheit. Schon mal überlegt, ob der Tod nicht die Heilung ist für die Krankheit des Lebens? Hier lese ich aus den Ärztemitteilungen untereinander: Besagter Patient des Kollegen Freudlos zeigte Anzeichen eines Freiheitsrausches unmittelbar nach der Verkündung seiner Restzeit noch auf Erden. Zitat: "Keine Sorge mehr um nichts, kein Gewissen, dass es noch zu besänftigen gäbe, keine Gefühle mehr, den ein Deckel verschließen würde, kein schweren Panzer, den es zu trage gälte. So lässt sich es sterben!" Finden Sie, das ist ein Ausdruck des Bedauerns angesichts der verbleibenden Stunden?

FRAU MIT FLÜGELN: Ach Sie! Natürlich halte ich das Leben hoch! Dieser Patient - wer immer das gewesen sein mag - zeigt doch nur deshalb kein Bedauern, dass seine Stunden gezählt sind, WEIL er eben Sorgen hat - WEIL er ein zu besänftigendes Gewissen hat, ergo irgendetwas getan hat, das man ihm und das vor allem er sich selbst nicht verzeiht - und WEIL seine Gefühle gedeckelt sind - und WEIL er eben einen schweren Panzer trägt, wünscht er sich ein schnelles Ende herbei! Guter Mann, nähme man all dies ihm ab, würde er jeder seiner noch verbliebenen Minuten mit Freude entgegensehen - und beileibe nicht den Schlussakkord sich wünschen. Das nennt man Therapie! Die Menschen heilen! Sie befreien von ihrem Schwarzblick auf alles, ihren Panzer knacken.

MANN OHNE GESICHT: Sie verdrehen die Logik, aber eines bleibt gewiss: Das Denken an das Ende kann auf die Sprünge helfen. Wie alle dummen Lebewesen hat der Mensch Angst vor dem Nichts, aber wenn er mal richtig nachdenkt, dann muss er erkennen, dass richtig schlecht doch noch besser ist, als rein gar nichts, eben nur damit irgendetwas ist. Ich behaupte es aus Erfahrung und Wissen: Denke ich an den Tod, öffne ich die Türen zur Freiheit. Hier ein Beispiel - Krankenakte Frau Juckreiz: Die Patientin ist mit einem schweren neurodermitischen Anfall eingewiesen worden, welcher sich umgehend auflöste nach Verabreichung des geistigen Placebos "Ende in einer Woche", die Symptome verringerten sich sofort und die allgemeine psychische Verfassung verbesserte sich so nach Aussage der Patientin zu einem Wohlbefinden, wie seit langem nicht mehr. Ich bin beeindruckt: der Tod als Medikament. Eine philosophische Klinik gewissermaßen.

FRAU MIT FLÜGELN: Ach, mein Lieber, in diesem Punkt werden wir wohl nicht zusammenkommen. Sie behaupten, die Aussicht auf einen nahen Tod würde die Menschen heilen, und ich sage, die Aussicht auf Heilung würde ebenfalls heilen - denken Sie nur an den allgemeinen Placeboeffekt! Sicher, beide Methoden bedienen sich der geistigen Kräfte der Kranken, nur haben sie es sich in dieser abgewrackten Klinik einfach gemacht, in dem sie mit dem Ende winkten. Die wollten ihre Partien doch nur loswerden! Weil sie Betten brauchten oder sich einfach eine lauen Lenz machen wollten. Und dafür haben sie dann von den Angehörigen wahrscheinlich noch kräftig abkassiert. Schöne Philosophen waren mir das! Richtig wäre es gewesen, die geistigen und psychischen Kräfte der armen Menschen durch ein Heilungs- wenn nicht gar Heilsversprechen anzukurbeln, dann hätten sie von ihrem Glück wenigstens noch etwas länger was gehabt, als die paar Tage bis zum Nichts.

MANN OHNE GESICHT schaut aus dem Fenster: Blicken sie mal hierher, werte Trumpfkarte des Lebens, dahinten auf dem Gebäude am anderen Ende des Geländes die große Schrift an der Wand. Ich glaube, ich kann es entziffern. ES IST ZU SPÄT steht da und noch irgendetwas Kleingeschriebenes darunter, aber richtig lesen kann ich es nicht. Und wenn mich nicht alles täuscht, brennt in dem Fenster darüber ein Licht! Wie kann das sein, Endleben ist tot, sollte ich etwa meinen Abschlussbericht noch nicht schreiben können? Jetzt habe ich es, ALSO SPIELEN WIR steht darunter. 

FRAU MIT FLÜGElN tritt neben ihn ans Fenster: Ja, jetzt sehe ich es auch. Licht! Ein Zeichen! Der Stich geht wohl an mich, Pikbube! Wo Licht ist, ist Hoffnung, ist Leben. Lassen Sie uns diesen grausigen Narrenturm verlassen, hier schwebt die Energie der auf Tod hinauslaufenden Psychoexperimente ja noch als schwarze Wolke durch die Flure. Steuern wir auf das Licht dort drüben zu. Ach (Sie reibt sich die Hände) ich freue mich schon auf ein bisschen Helligkeit und Wärme. (Sie schaut sich um) Wo ist eigentlich der Esel abgeblieben?

Fortsetztung folg