Fund der Endleben-Dialoge und des Höllentrichters 


Merkwürdige Stille in dem zerfallenen Kirchenschiff. Das Dach halb eingestürzt, die Wände kaum mehr vorhanden, nicht einmal mehr Splitterglas in den Fensterrahmen, drang dennoch von außen kein Laut zu uns in den Raum. Kein Vogelruf, kein Rauschen in den Blättern der hohen Bäume, die das verlassene Gotteshaus umstanden. Staubige Ruhe. Die Kirchenbänke davongetragen, der ans Kreuz genagelte Christus hinweggeschafft, ebenso wie seine Mutter, Maria, kein Heiliger zurückgelassen, keine Kerze, kein Schmuck. Nur eine zerborstene Schale aus Stein auf den rissigen, moosüberzogenen Bodenfliesen, das jetzt nutzlose Becken für geweihtes Wasser, und am Ende des Schiffes der ebenfalls steinerne Altar, noch leidlich intakt zwar aber schon schon im Begriff, in sich zusammenzusinken. Dahinter, an der sich gerade noch aufrecht haltenden Wand, ein riesiges seltsames Schriftgebilde in Form eines Trichters, dessen Spitze weit nach unten wies. Als wir näher traten, um die verblassten Wörter und Sätze zu entziffern, fiel uns eine zerfledderte grünlich-graue Mappe ins Auge, die auf dem Altar lag, in der Mitte, dort, wo einst der Pfarrer die Bibel aufgeschlagen haben musste. 
Während Kasimir etliche Fotos von dem Wandgemälde, dem von unbekannter Hand gezeichneten Schriftzug machte, den er später transkribieren und duplizieren würde, nahm ich die Mappe an mich, denn ich war davon überzeugt, dass jemand genau das von mir erwartete. Ich öffnete sie, und zum Vorschein kamen zusammengeheftete Seiten, grau und fleckig und porös, die Ränder wie von kleinen Tieren angefressen. Vorsichtig schüttelte ich den Staub aus dem Manuskript, das keinen Titel trug und kein Datum und keinen Verfasser nannte, begann darin zu blättern. Ein Dialog mit wenigen Regieanweisungen war es, ein Theaterstück vielleicht oder ein Hörspiel. Ich vertiefte mich in den mit Schreibmaschine getippten Text, bis mich ein schweres Flügelrauschen aufschreckte. Unwillkürlich zog ich den Kopf ein, doch als ich mich umblickte, war weit und breit kein Vogel in Sicht. 
Kasimir hatte die alte Kirche bereits verlassen. Ich schlug die Mappe zu und verstaute sie in meinem Rucksack. Dann folgte ich ihm.

Eine Abschrift der ersten Szenen des "Stücks" findet ihr weiter unten. 

ENDLEBEN-DIALOGE

 

1. Szene 

 

Eine Frau mit Flügeln (einer lädiert) und ein Mann ohne Gesicht sitzen auf zwei vergammelten Stühlen auf einer von Zeit, Regen und Wildnis ruinierten Straße. Schweigend starren sie in die Flucht Richtung Horizont, hinter ihnen bricht ein Fenster aus den Rahmen, zersplittert auf dem rissigen Teer.

 

MANN OHNE GESICHT: Es fühlt sich leicht an, hier an diesem Ort. Merkst du nicht auch, wie du Gramm für Gramm verlierst? Ach, ich vergaß, du wiegst ja nichts, du Himmelswesen!

 

FRAU MIT FLÜGELN sachlich aber durchaus freundlich: Bitte entschuldigen Sie, aber ich spreche nicht mit Fremden.

 

MANN OHNE GESICHT: Dann bitte ich um Entschuldigung, ich kenne dich aber. Ich habe mich dir noch nie vorgestellt, dabei bist du mir ganz nah, wir könnten Geschwister sein, wenn wir es nicht sogar sind. Wer weiß das schon?

Es knirscht im Gebälk eines Hauses 

Also ganz formell: Guten Tag, ich bin der, der das Licht nicht liebt, den Gestank vorzieht und der kein Gesicht besitzt. Es freut mich sehr, dich zu treffen, so nah dir zu sein, nicht nur in meinen Träumen.

 

FRAU MIT FLÜGELN: Guten Tag. Sehr erfreut. Ich möchte Sie aber herzlichst bitten, mich zu siezen, bis wir uns ein wenig näher kennengelernt haben, Mann ohne Gesicht. Auch ich bin Ihnen schon begegnet, in den Bewusstseinszuständen, die gemeinhin Träume genannt werden, Zustände, die mich dunkel ahnen lassen, dass es Sie gibt, belebte Bilder, die über mich kommen, wenn Stille herrscht und ein flirrendes Licht sich ausbreitet - denn Schlaf kenne ich nicht.

 

MANN OHNE GESICHT: Allein die Aussicht, dass SIE mir irgendwann eine persönliche Anrede gestatten werden, ist mir eine große Freude. Ich spüre eine Verwandtschaft, auch wenn es eine zwischen Nordpol und Südpol sein mag und eine ganze Welt zwischen uns liegt. Ich glaube, ihr Chef hat uns nicht aus einer flüchtigen Laune hierher eingeladen. Eine Ruine, dieses Dorf, Endleben, ein Name, der sagt, was seine Bestimmung ist. Mein Auftrag ist es, abzuwickeln. Das kann ich bestens, alles, was mir in die Hände gerät, verflüssigt sich und wird schließlich Staub, die Handelsmasse meiner Firma. Wenn ich mich vorstellen darf in meiner Eigenschaft als Liquidator und Beendiger jeglicher Gesellschaft. Und Sie, meine Dame? Sie sind dann wohl der Engel aus dem Amt für Dorfsanierung?

 

FRAU MIT FLÜGELN: Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, warum ich hier bin. Auf Erden. Aber auch, wenn ich nicht auf Erden bin, weiß ich oft nicht, wo oben und wo unten ist, rechts und links. Wo ich herkomme? Aus einem Amt jedenfalls nicht. Ich habe auch nicht den Auftrag erhalten, das Dorf hier, Endleben, zu sanieren oder sanieren zu lassen. Sie sprechen von meinem Chef. Doch ich habe keinen. Zumindest nicht, dass ich wüsste. Ich glaube nicht, dass ich von jemandem gelenkt werde. Wer sollte das sein? Nein, ich bin freischwebend unterwegs - im wahrsten Sinne des Wortes. Frei schwebte ich am Himmel, als mir ein verirrter und höchst verwirrter Kranich entgegenflog und mich streifte. Da geriet ich ins Trudeln und fiel genau HIER zu Boden. In Endleben. Nun muss ich warten, bis mein rechter Flügel geheilt ist, vorher kann und will ich diesen Ort nicht verlassen, denn solche wie ich gehen gemeinhin nicht auf zwei Beinen. Aber wenn ich mich so umschauen, wird es mir in diesem Dorf höchstwahrscheinlich nicht langweilig werden. Es gibt so viel zu tun. Habe ich Sie also richtig verstanden, Mann ohne Gesicht, dass Sie Endlebens Ende noch beschleunigen wollen und dass Sie davon ausgehen, dass wir von jemandem hierhergeschickt wurden, den sie meinen Chef nennen? Und der Kranich? Eine Chimäre? Oder alles nur Show? Ich bin verwirrt. Aber, ja, ich spüre auch eine gewisse Anziehung zwischen uns beiden, mein Herr, Verwandtschaft nennen Sie es, eine sehr ferne muss es wohl sein, aber vielleicht auch ein Gefühl, entsprungen aus einem Lichtblick.

 

MANN OHNE GESICHT: Ich wundere mich über ihre Ahnungslosigkeit. Da baumeln sie am Himmel herum, landen ganz zufällig hier in Endleben und glauben doch tatsächlich, alles wäre Zufall. Wie kann man nur so frei von Verdacht sein, hierher bestellt worden zu sein? Sie haben ihren Flügel verloren, wer soll das eigentlich noch reparieren? Und ich mein Gesicht. Ich glaube, wir stecken fest. Mir soll es egal sein, ich habe keine Erwartung, ich brauche auch nichts tun, hier verfällt alles von selbst. Menschenleer, Wunder braucht es hier nicht, wer sollte sie sehen? Hier gibt es nichts zu tun.

 

FRAU MIT FLÜGELN: Schauen Sie doch! Mein Flügel wächst schon nach! Er ist zwar nicht organisch aber aus mentaler Materie. Anders als diese Dächer und Wände hier, diese Fensterrahmen und Türen, die sind verloren, das sehe ich, da wächst nichts mehr nach, da baut sich nichts mehr zusammen, weder im Hier, im Jetzt, noch in Gedanken - alles zerbröckelt, zersplittert, zerplatzt. Ach, ich muss weinen, so traurig, so traurig.... Ein Wunder! Wir brauchen doch ein Wunder!

 

MANN OHNE GESICHT: Na klar, ein Wunder!! Bei allem Respekt, das ist mal wieder typisch Himmelsstrategie! Hier gibt es doch nichts zu heulen, eher zu lieben, diese wunderbaren Klänge des Zerfalls, Mörtel, der sich löst und klingt wie eine Violinsaite, die zerreißt, aber in einem kaum wahrnehmbaren Tempo, dieses Zersplittern, ein solch heiliger Sound in meinem Ohren, wie das leise Rieseln von Pulver, der gesegnete Gang zu Staub und Korn, der Essenz aller lebendigen Bestimmung, und das wunderbare Platzen, wie großartig das langatmige Donnern des hervorlugenden unendlich tiefen Hohlraums - eine Symphonie! 

Hätte Beethoven nur ein wenig Geduld gehabt und natürlich ein wenig Demut vor den Falten dieser unserer "schöpferischen" Welt, so wie wir hier in Endleben, genau so hätte seine Schicksalskomposition geklungen. Ich könnte ihr ewig zuhören, ihr aus dem Himmel habt dafür kein Ohr, bei euch da oben ist immer alles so fortissimo. Ist das nicht eigentlich auf Dauer ein wenig anstrengend?

 

FRAU MIT FLÜGELN: Sie irren! Ich höre den schönen Klang und die erhabene Melodie des Verfalls, des Todes, des in Schutt-und-Asche-Fallenden, des Vergehenden und Verwesenden sehr wohl! Mehr noch: Ich liebe diese Musik, so wie ich alles liebe, das entsteht und vergeht. Dennoch trauere ich darüber. Denn die Klänge des Werdens stehen mir näher als die Fugen des Sterbens. Auch für Ihr nicht vorhandenes Gesicht, lieber Mann, würde ich Tränen vergießen, wenn es mir möglich wäre. Aber meine Augen bleiben trocken, mein Körper ist astraler Natur, die Tränen bleiben Metapher. Ach, ihr schönes Gesicht, wo haben Sie es nur verloren?

 

MANN OHNE GESICHT: Ich kenne Traurigkeit nicht, also zumindest nicht als Gefühl. Aber ich habe davon reden gehört. Die Irdischen scheinen sogar einen Ort dafür erfunden zu haben. Auch hier in Endleben soll es einen solchen geben, Hof des Friedens, wie man ihn nennt, ich glaube, diese Orte stehen unter der direkten Befugnis Ihres Chefs, warum hat man ihn sonst früher Gottesacker genannt? Wie man mir erzählt, werden hier viele Tränen vergossen. Ist das auf Anordnung von oben oder ist das wieder einmal so ein Spleen der Irdischen? Wie wäre es? Wollen wir ihn einmal besuchen? Wenn ich um ihre astrale Hand bitten dürfte.

Sie stehen auf, machen sich auf den Weg

Wussten Sie eigentlich, dass das antike Rom zwei Städte umfasste? Eine oberirdische mit dem ganzen Tamtam der Lebenden und eine unterirdische, wo sich die Toten unterhielten, aber weder weinten noch lachten?

 

FRAU MIT FLÜGELN: Aber ja, das wusste ich, ich war sogar schon einmal dort, oben wie unten - wir Himmlischen können überall sein. Und zu jeder Zeit. Sie etwa nicht, Mann ohne Gesicht? Ihre Hand fühlt sich übrigens sehr kalt an, wenn ich das mal sagen darf. Kälte spüre ich sehr wohl, wenn auch nicht in meinen astralen Gliedern. 

Der Gottesacker.... wie der hier wohl aussehen mag? Gibt es noch gepflegte Gräber, frage ich mich, Blumen und Kerzen? Wir werden sehen. Achtung, stolpern sie nicht, da liegt ein schweres Gewicht, mag sein ein Stein, herausgebrochen aus dem schönen Haus dort. Ach, wie überaus traurig auch das. Aber ich steige und sehe darüber hinweg. Achtung! - dass Sie nur nicht an dem Mauerbrocken hängenbleiben und stürzen. Wo sind eigentlich ihre Flügel? 

 

MANN OHNE GESICHT: Es ehrt mich sehr, dass Sie nachfragen. Leider bin ich nicht in der Lage, Ihnen eine wirklich gute Antwort darauf zu geben. Ich bin im Nichts aufgewacht, in der Dunkelheit, und wenn Sie auf die Kälte meiner Hand zu sprechen kommen, ich vermute mal, dass ich ein Wesen ohne Empfindung bin, eben ein Wesen, dass aus dem Loch, in das hinein alles Lebendige verschwindet, herausgekrochen ist, vielleicht ein Flüchtling der Leere. Dieses Dorf hier, diese Ruine von Endleben, erinnert mich sehr an mein Loch, auch wenn es mich doch sehr beunruhigt, ich höre noch so viele nachhallende Stimmen. Glauben Sie wirklich, dass ich einmal Flügel gehabt habe? Dann hätte es ja auch für mich ein Leben vor dem Loch gegeben. Wie auch immer, ich kann mich nicht erinnern. Schauen sie meine Astraldame, da ist der Rest von der Kirche, dann kann der Gottesacker nicht weit sein. Wirklich bemerkenswert, dass Tod und Leben so nah beieinander liegen. 

 

FRAU MIT FLÜGELN: Bitte halten Sie mich nicht für schwach oder sentimental oder beides - aber das, was Sie über sich erzählen, stimmt mich schon wieder sehr, sehr traurig. Warten Sie, ich muss einen Moment stehenbleiben und mich sammeln. Mein Stumpf schmerzt auch ein wenig, muss ich zugeben, obwohl - schauen Sie nur! - bereits der Ansatz eines neuen Flügels zu sehen ist. Dieser Durchbruch ist es wohl, der weh tut.

Sie bleibt stehen, schließt einige Sekunden die Augen. 

So, nun geht es wieder, danke für Ihre großherzige Geduld. Ach, ... großherzig!? Sie empfinden ja angeblich nichts, können also auch nicht mitfühlen, Sie armer, armer Flüchtling der Leere. Wie gerne würde ich Ihnen Gutes tun, Sie heilen, aber das steht mir nicht zu. Stünde es in meinem Ermessen, würde ich Ihnen auch neue Flügel schenken! Wer hat sie Ihnen bloß herausgerissen, wer hat sie gestohlen? Oder haben Sie sie nur irgendwo abgelegt und vergessen? Dann könnten wir uns auf die Suche nach ihnen machen. Vielleicht liegen sie sogar auf dem Altar dieser Kirche, der Schwärze geopfert. 

Aber.... soll das wirklich die Dorfkirche sein? Da stehen ja nur noch ein paar mürbe Außenmauern. Ich muss schon wieder weinen, in mir entsteht gerade ein tiefer Tränensee, der über die Ufer treten wird, wenn ich noch lange in diesem melancholiegeschwängerten Dorf verweile und in Ihrer ach so dunklen Gesellschaft.

2. Szene


Mann ohne Gesicht und Frau mit eineinhalb Flügeln betreten den verwilderten Gottesacker, der rund um die Dorfkirche gewachsen ist, die still zerfällt


MANN OHNE GESICHT: Um ganz ehrlich zu sein, ein Ort wie dieser hier irritiert mich, denn er will doch sagen: Schaut her, hier liegen die Gebeine der alten Frau Sowieso aus dem Dorfe Sowieso, seht, der Stein bezeugt unsere armselige Vergänglichkeit, kniet nieder und weint! 

Dann klingen die Glocken dazu, weil sie das Herzschlagen so schön imitieren können. Das ist ein seltsames Gebaren, das mich immer wieder verwundert. 

Ich frage mich, ob die Glocke noch zu schlagen vermag dort oben im Kirchturm. Lassen Sie uns versuchen, sie zu läuten, lassen Sie uns sehen, ob ein letzten Rest Herzschlag hier in Endleben noch zu hören ist - und wenn nicht, dann schwören wir uns, keine Tränen mehr zu vergießen. Kommen Sie! Treppe oder wollen Sie fliegen?


FRAU MIT FLÜGELN: Mit Verlaub, ich kann momentan nicht fliegen - flöge ich, käme ich mit nur einem Flügel arg ins Trudeln, drehte mich immerfort um mich selbst. Wir nehmen die Treppe. Da! Horchen Sie! Dieser dunkle, dumpfe Klang! Sind das die Glocken, von denen Sie eben noch sprachen? Aber, warten Sie, es schallt ja aus Ihnen heraus, Mann ohne Gesicht. Mag das wohl Ihr Herzschlag sein? Haben Sie ein Herz? Wo Sie mich doch um eine Definition von Traurigkeit baten und angaben, Gefühle seien Ihnen fremd. Aber es schlägt etwas in Ihnen in einem tiefen Rhythmus. Ob es Endleben ist, das Sie in sich tragen?


MANN OHNE GESICHT: Das irritiert mich, wenn die Himmelsmächte nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte sind und dann auch mangelhaft im Gehörgang! Lassen Sie uns sehen, ob die Glocken schlagen, sofern sie noch nicht vom Zahn der Zeit zum Verstummen gebracht worden sind. Kommen Sie, lassen Sie sich die Hand von einem Herzlosen reichen. Hinauf, da kennen Sie sich doch aus! Von mir wird ja erzählt, es ginge mit mir immer nur nach unten. Ich wüsste nicht, was falscher wäre. Ich bin doch immer da, und wenn es mir beliebt, klopfe ich auch einmal am Himmel an, in der Regel aber nur, wenn ich Urlaub habe vom Untergang. Dann gönne ich mir einmal den Blick auf die brennende Steppe Sibiriens. Bei der Gelegenheit: Ich wüsste schon gern, was Sie in dieses Dorf hier getrieben hat. Ich habe meine Arbeit getan, ich kann vermelden: Abriss! Gibt es noch etwas zu bilanzieren? Haben wir noch Protokoll zu führen? - Achtung, ab hier wird es ein Schutthaufen! Und da vorne ist der Glockenstuhl!


FRAU MIT FLÜGELN: Bitte verzeihen Sie, aber Ihre Hand möchte ich nicht noch einmal berühren, die eisige Kälte und deren Fluss durch meinen gedachten Leib kann ich nicht ertragen, dazu ist dieser Körper zu fragil - zumal mit nur eineinhalb Flügeln, da gerät man, ich sagte es schon, leicht mal aus dem Gleichgewicht. Und ich muss Ihnen leider auch widersprechen, nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber auch bei mir geht es nicht immer nur hinauf in luftige Himmelshöhen. Auch ich kenne den Sturz nach unten, den freien Fall, und wäre er damals nicht aufgehalten, nicht abgefedert worden durch eine helle Macht, dann ginge es mir jetzt möglicherweise wie Ihnen und ich müsste, um Licht zu sehen, aus schlammigen Löchern kriechen. Sei’s drum, werter Mann ohne Gesicht, ich folge Ihnen brav bis zum Glockenstuhl. Ach! Da hängt es ja noch, das schwere Ungetüm von Glocke. Und in ihrem Innern ein Schlegel, zerfressen zwar von Rost und Zeit aber ein Schlegel. Sagen Sie, wollen wir die Glocke zum Klingen bringen?


MANN OHNE GESICHT: Gut, ich läute! Vielleicht wecken wir die Toten, aber ich fürchte, wenn es so wäre, so würden die sich wieder hinlegen und sagen: Was geht es uns an? Ist doch nur Feueralarm und keinem von uns mag es noch unter den Nägeln brennen.

Er h